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Die Angst, jemanden zu verlieren – und die Kraft, die dabei verloren geht

Inhalt:

Ein Anruf, eine Diagnose, eine Nacht im Krankenhaus – und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Sie funktionieren, organisieren, sind für alle da. Und nachts liegen Sie wach mit der einen Frage, die Sie tagsüber wegschieben. Wenn Sie das kennen, sind Sie damit nicht allein: 63 % der Familien in Deutschland erleben regelmäßig Erschöpfung, 55 % fühlen sich mit den Aufgaben allein (R+V-Studie, INNOFACT 2026).

Ob Ihr Kind zu früh geboren wurde, ein Mensch in Ihrer Familie schwer erkrankt ist oder Sie eine ganz andere Krise durchleben – das Erleben ähnelt sich: die Angst, jemanden zu verlieren und die Überforderung, für alle stark sein zu müssen. Beides sind normale Reaktionen auf eine Lage, die alles andere als normal ist. Und beides betrifft nie nur einen Menschen, sondern die ganze Familie.

Triggerwarnung: Diese Seite spricht offen über Angst, schwere Krankheit und Verlust. Sie entscheiden selbst, wie tief Sie einsteigen möchten. Wenn Sie gerade in einer schwierigen Situation sind und akute Hilfe benötigen, finden Sie unter „Wenn Sie Unterstützung brauchen“ fachliche Anlaufstellen und wichtige Kontaktpunkte für weiterführende Unterstützung.

Kennen Sie das?

In einer solchen Zeit verschiebt sich der Maßstab. Der Alltag läuft weiter, aber er fühlt sich an wie durch eine Scheibe – man ist da und doch nicht ganz. Und während alle fragen, wie es dem kranken Menschen geht, fragt selten jemand, wie es Ihnen geht.   

Vielleicht erkennen Sie sich in einer dieser Situationen wieder: 

  • Sie liegen nachts wach, obwohl Sie erschöpft sind – und die Gedanken drehen sich immer im selben Kreis. 
  • Sie funktionieren größtenteils tadellos nach außen und spüren dabei kaum noch, wie es Ihnen selbst geht. 
  • Sie haben ein schlechtes Gewissen, sobald Sie an sich denken – an eine Pause, einen freien Abend, ein bisschen Leichtigkeit. 
  • Ihr Kind stellt eine Frage, auf die Sie keine Antwort haben – und Sie möchten es beschützen, ohne zu lügen.

Wenn Sie jetzt genickt haben: Das ist kein Zeichen von Schwäche und Sie machen nichts falsch. So reagieren Menschen, die viel tragen und wenig abgeben können. Und genau da lässt sich ansetzen. 

Echte Geschichten, echte Familien

Bevor es um Erklärungen und Werkzeuge geht, kommen hier zuerst Familien zu Wort, die genau das erlebt haben. In zwei kurzen Filmen aus unserer Gedankenkreisel-Dokumentation erzählen sie offen, was die Angst um einen geliebten Menschen mit ihnen gemacht hat – und was ihnen geholfen hat, weiterzugehen.

Frühgeburt: wenn die Angst bleibt

In diesem Film erzählen Eltern von Frühgeborenen, wie sehr die ersten Wochen sie geprägt haben – und dass die Angst auch Jahre später nicht ganz verschwindet: Schon ein harmloser Husten kann den Reflex auslösen, sofort ins Krankenhaus zu müssen. Zugleich sprechen sie darüber, wie sie sich bewusst entschieden haben, ihr Kind nicht in Watte zu packen, sondern seinen eigenen Weg gehen zu lassen – und wie stolz sie heute darauf sind. Wer zuschaut, erkennt: Diese Angst ist normal und muss nicht ganz verschwinden – man kann lernen, sie zu tragen, ohne sie an das eigene Kind weiterzugeben. 

Krebs: wenn die Diagnose die ganze Familie trifft

Hier erzählt eine Familie von der Krebsdiagnose der Mutter – davon, wie schwer es fiel, das Wort überhaupt auszusprechen und wie die Kinder längst spürten, dass etwas nicht stimmt, bevor die Eltern es ihnen sagten. Der Vater übernahm plötzlich das Doppelte: arbeiten und zu Hause alles zusammenhalten, während das Leben der Kinder weitergehen musste. Der Film zeigt eindrücklich, dass die Sorge auch nach überstandener Krankheit bleibt – und wie viel Kraft daraus entsteht, sie gemeinsam zu tragen, statt sie allein mit sich auszumachen. 

Hinweis: Diese Filme zeigen echte Belastung. Wenn es Ihnen oder Ihrer Familie gerade nicht gut geht, gehen Sie bitte zuerst zum Bereich „Wenn Sie Unterstützung brauchen". 

 

 

Angst und Überforderung verstehen

Wenn ein Mensch, den Sie lieben, in Gefahr ist, schaltet Ihr Körper in einen Ausnahmezustand. Sie funktionieren, organisieren, halten alles zusammen – und spüren dabei oft selbst kaum noch etwas. Das ist keine Kälte und kein Versagen, sondern ein Schutzmechanismus: Wer im Notfall handeln muss, kann nicht gleichzeitig alles fühlen. Die Angst holt Sie dann nachts ein, wenn nichts mehr abzulenken scheint. 

Wie stark diese Belastung ist, zeigen Zahlen aus der Forschung. Bei Eltern von Frühgeborenen etwa erreichen mehr als die Hälfte der Väter Werte im Bereich klinisch bedeutsamer Ängstlichkeit und über die Hälfte der Mütter zeigt Anzeichen einer leichten Depression (Universitätsklinikum Essen 2020). Bemerkenswert daran ist, dass die Belastung der Väter oft übersehen wird – sie funktionieren nach außen und stellen ihre eigene Not hinten an. Ähnliches gilt bei schwerer Krankheit: Die Deutsche Krebshilfe betont, dass eine solche Diagnose die gesamte Familie trifft, nicht nur die erkrankte Person – auch Partner, Kinder und Geschwister tragen mit (Deutsche Krebshilfe 2023). 

Nun ist Ihre Situation vielleicht eine ganz andere: ein Unfall, eine chronische Erkrankung, ein pflegebedürftiger Elternteil. Das Erleben aber ähnelt sich – die Angst und die Erschöpfung folgen denselben Mustern. Und sie sind, das ist die wichtigste Botschaft dieses Abschnitts, eine normale Reaktion auf eine Lage, die alles andere als normal ist. 

In einer Krise verschiebt sich der eigene Maßstab. Was gestern noch undenkbar war, wird zur Gewohnheit – und deshalb übersehen viele Menschen, wie viel sie längst tragen. Hellhörig werden sollten Sie, wenn Sie über Wochen kaum noch schlafen oder nachts im selben Gedankenkreisel feststecken. Wenn Sie nur noch funktionieren und kaum spüren, wie es Ihnen geht. Wenn Sie gereizt sind, sich zurückziehen oder Freude an nichts mehr empfinden. Und wenn Ihr Körper mitspricht – durch Kopfschmerzen, Magenprobleme oder ständige Erschöpfung, die auch der Schlaf nicht behebt. 

Ein hilfreiches Bild dafür ist der Marathon: In der Akutphase laufen Sie auf Adrenalin, und das funktioniert erstaunlich lange. Aber niemand läuft einen Marathon im Sprint. Wer ankommen will, teilt sich die Kräfte ein, trinkt unterwegs und nimmt die Hilfe an, die am Streckenrand bereitsteht – nicht, weil er schwach ist, sondern weil die Strecke lang ist. 

Dass viele diesen Punkt kennen, zeigt die R+V-Studie aus 2026: 29 % der Befragten haben regelmäßig das Gefühl, professionelle Hilfe zu brauchen (R+V-Studie, INNOFACT 2026). Zugleich hält fast die Hälfte es für wenig hilfreich, sich solche Hilfe tatsächlich zu suchen – eine Lücke, die zu Lasten vieler Familien geht. Wenn die Anzeichen über Wochen anhalten, stärker werden oder Ihren Alltag bestimmen, ist das kein Grund zu warten. Wo Sie kostenlos und schnell Unterstützung finden, lesen Sie im Bereich „Wenn Sie Unterstützung brauchen". Bei akuter Verzweiflung erreichen Sie die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 116 123. 

Kaum etwas begleitet Familien in Krisen so hartnäckig wie das schlechte Gewissen. Mütter von Frühgeborenen fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben – obwohl medizinisch in aller Regel keinerlei eigenes Verschulden vorliegt. Angehörige schwer kranker Menschen haben Schuldgefühle, sobald sie an sich selbst denken: an eine Pause, einen freien Abend, einen Moment der Leichtigkeit. Und viele quält der Gedanke, nicht genug zu tun – selbst dann, wenn sie längst über ihre Kräfte gehen. 

Diese Gefühle sind verständlich, aber sie führen in die Irre. Eine Frühgeburt oder eine schwere Diagnose ist kein Ergebnis von zu wenig Anstrengung. Und Erschöpfung ist kein Charakterfehler, sondern die logische Folge einer Dauerbelastung. Der entscheidende Denkfehler steckt in der Annahme, Selbstfürsorge sei Egoismus. Tatsächlich ist sie die Voraussetzung dafür, dass Sie überhaupt für andere da sein können – wer selbst zusammenbricht, kann niemanden mehr tragen. 

67 % der Menschen in Familien haben zu wenig Zeit für sich selbst (R+V-Studie, INNOFACT 2026) – in einer Krise wird daraus schnell gar keine. Es hilft, sich einen einfachen Satz zu merken: Sie sind nicht schuld an dem, was passiert ist. Aber Sie sind zuständig dafür, dass Sie es durchstehen.

Zu allem Erleben kommt eine unsichtbare Last hinzu: Termine, Befunde, Anträge, Absprachen – und die ständige Wachsamkeit, ob alles bedacht ist. Das ist der Mental Load und in einer Krise wächst er sprunghaft. Die folgende Tabelle trennt die Begriffe, die im Alltag am häufigsten ineinanderlaufen: 

Begriff Was es bedeutet  Ein Beispiel aus dem Alltag 
Sorge  Ein normales, vorübergehendes Bangen um einen Menschen.  Sie denken vor dem Arzttermin oft an den Befund.  
Verlustangst Die anhaltende Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren.   Ein harmloser Husten beim zu früh geborenen Kind löst sofort Panik aus. 
Überforderung (Caregiver Burden)  Die Erschöpfung durch das dauerhafte Sorgen für andere.  Sie funktionieren nur noch und spüren sich selbst kaum.  
Vorweggenommene Trauer  Trauer, die schon vor dem Verlust beginnt.   Sie trauern, obwohl der Mensch noch lebt – und schämen sich dafür.  
Mental Load bei Krankheit eines Familienmitglieds   Die unsichtbare Denkarbeit rund um Krankheit und Alltag.   Termine, Anträge, Medikamente – und das Leben der Kinder läuft weiter.  

 

Zwei Unterschiede sind wichtig.  

  • Erstens die Zeitachse: Verlustangst ist oft akut und an eine Situation gebunden, Überforderung entwickelt sich schleichend über Monate.  
  • Zweitens die Richtung: Angst richtet sich auf die Zukunft, Erschöpfung entsteht aus der Vergangenheit. Beide verstärken sich gegenseitig – wer erschöpft ist, hat weniger Kraft gegen die Angst und wer sich ständig ängstigt, erschöpft schneller. 

Genau hier lässt sich der Kreis durchbrechen: bei der Last, die man abgeben kann und bei der Kraft, die man sich zurückholt. Wie das im Alltag gelingt – auch im Gespräch mit Ihren Kindern –, zeigen die Werkzeuge weiter unten. 

HIGHLIGHTS „SORGENFRESSER FAMILIENTAG“

Experten hören, Antworten finden.

Zwei Experten-Videos, die Wissen vermitteln, ohne zu überfordern: Fachvorträge mit Tiefe, Mehrwert und Denkanstößen.

Lukas Klaschinski: „Was zählt, wenn plötzlich alles auf dem Spiel steht“

Beim R+V-Sorgenfresser-Familientag 2026 erzählt Psychologe Lukas Klaschinski von dem Moment, in dem er zehn Meter über dem Strand in der Luft hing und wusste: Das war's. Er berichtet, was ihm in dieser Sekunde durch den Kopf ging – und was ihn dabei am tiefsten traurig machte. Ein Vortrag darüber, was am Ende wirklich zählt, warum wir gerade in schweren Zeiten unsere Gefühle brauchen, statt nur zu funktionieren – und wie viel Kraft in der Erkenntnis liegt, noch eine Aufgabe zu haben.

Lukas Klaschinski ist Psychologe (M.Sc.), Autor, Podcaster, Moderator und Vater. In seiner Arbeit verbindet er fundierte psychologische Erkenntnisse mit alltagsnahen Impulsen zu mentaler Gesundheit, Beziehungen, Persönlichkeitsentwicklung und emotionaler Resilienz. Als Host erfolgreicher Podcasts wie „So bin ich eben" und „Beste Vaterfreuden" sowie als Autor macht er komplexe Zusammenhänge verständlich, praxisnah und empathisch – und lässt seine Erfahrungen als Vater und im Co-Parenting authentisch einfließen.  

Mehr: lukasklaschinski.de

 

Über Lukas Klaschinski schließen

Fünf Gedanken zum Mitnehmen

  1. In der Krise ist man ausgeliefert – und das ist keine Schwäche.

    Er beschreibt den Moment als „größte Form der Hilflosigkeit“: Man reagiert nicht so, wie man es sich vorher ausgemalt hat, sondern ist der Situation schlicht ausgeliefert. Wer das erlebt hat, weiß: Kontrollverlust sagt nichts über den eigenen Charakter aus.

  2. Was zählt, zeigt sich erst, wenn alles auf dem Spiel steht.

    In dem Moment, in dem er glaubte, sein Leben ende, bereute er eine einzige Sache: nicht näher an seinen Gefühlen gelebt zu haben. Nicht ein Erfolg, nicht ein Versäumnis im Beruf – sondern das, was er nicht gefühlt hatte. 

  3. Die größte Angst gilt selten uns selbst.

    Am tiefsten traurig machte ihn nicht das eigene Ende, sondern der Gedanke, seine Tochter nicht länger begleiten zu können. Genau darin erkennen sich Eltern wieder, die um einen geliebten Menschen bangen: Die Angst gilt nicht dem eigenen Schicksal, sondern denen, die man zurücklässt oder verlieren könnte. 

  4. Nach der Krise verschiebt sich die Dringlichkeit.

    Was er vorher aufgeschoben hatte, wurde plötzlich wichtig. Krisen zwingen zu einer Sortierung – und die Frage „Was habe ich aufgeschoben, das mir eigentlich wichtig war?“ lohnt sich auch ohne Beinahe-Unfall. 

  5. Es hilft, eine Aufgabe zu haben.

    Nach dem Sturz fand er seinen Halt in dem Gedanken, vielleicht noch etwas zu tun zu haben – für ihn: Vater zu sein und Menschen weiterzubringen. Auch mitten in Angst und Erschöpfung kann dieser Satz tragen: Ich werde noch gebraucht. 

Sinem Kuyar: „Nicht funktionieren – leben“

Beim diesjährigen R+V-Sorgenfresser-Familientag zeigt Psychologin Sinem Kuyar, warum unser Gehirn kein Marathonläufer ist, sondern ein Sprinter – und was das mit der Erschöpfung zu tun hat, die viele Familien kennen. Mit dem Bild der Sauerstoffmaske im Flugzeug erklärt sie, warum Selbstfürsorge kein Egoismus ist, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt für andere da sein zu können. Ein Vortrag mit vielen Aha-Momenten – und mit Sätzen, in denen sich fast jeder wiederfindet, der gerade zu viel trägt. 

Sinem Kuyar ist klinische Psychologin mit Schwerpunkt Psychotherapie und Traumatherapie und arbeitet bei HumanProtect Consulting. In ihren Vorträgen vermittelt sie Impulse zu Resilienz, Stressbewältigung und Selbstfürsorge und unterstützt Menschen dabei, ihr mentales Gleichgewicht im Alltag zu stärken. Ihr Anliegen: psychische Gesundheit ist kein Luxus – und sich Unterstützung zu holen, ist vollkommen in Ordnung. 

Mehr: https://humanprotect.de/

 

Über Sinem Kuyar schließen

Fünf Gedanken zum Mitnehmen

  1. Erst die eigene Sauerstoffmaske.

    Im Flugzeug gilt: erst sich selbst versorgen, dann anderen helfen – aus gutem Grund. Wer nur noch für andere atmet, hört irgendwann auf, selbst zu atmen. Die eigene Priorität ist also keine Selbstsucht, sondern Voraussetzung. 

  2. Gleichgewicht heißt nicht Dauerruhe, sondern Wechsel.

    Gesund ist nicht ein Leben ohne Anspannung, sondern der bewusste Wechsel von Anspannung und Erholung – wie ein Herzschlag, der nie linear verläuft. Bleibt die Erholung dauerhaft aus, meldet sich irgendwann der Körper.

  3. Unser Gehirn ist ein Sprinter, kein Marathonläufer.

    Nach etwa 90 Minuten braucht es eine echte Pause – ohne Bildschirm, ohne neue Informationen. Genau in diesen Pausen passiert das Entscheidende: Verarbeiten, Auftanken, wieder klar werden. 

  4. Innere Antreiber machen Stress – und lassen sich ändern.

    Glaubenssätze wie „Sei stark“, „Sei perfekt“ oder „Sei beliebt“ stammen meist aus der Kindheit und hindern uns daran, Hilfe anzunehmen oder Nein zu sagen. Wer sie erkennt, kann sie ersetzen: „Ich darf auch mal um Hilfe bitten.“ 

  5. Erst innehalten, dann analysieren, dann sagen, was Sie brauchen.

    Bei Überlastung hilft: stoppen, den Stress zerlegen, das eigene Bedürfnis erkennen – und es klar kommunizieren, als Ich-Botschaft statt als Vorwurf. Ihr Kernsatz dazu: Wir sollten nicht den Zustand des Funktionierens anstreben, sondern den des Lebens. 

TOOL-KARTEN

Ihr Werkzeug für den Alltag

Direkt nutzen – kein Anmelden, kein Aufwand, sofort anwendbar.

Die Krankheit und Sorgen können Sie nicht wegnehmen – die Last, die Sie dabei tragen, aber schon ein Stück weit verteilen. Diese vier Werkzeuge helfen Ihnen, bei Kräften zu bleiben, mit Ihren Kindern zu sprechen und Unterstützung anzunehmen bzw. zu geben. Kein Aufwand, kein Vorwissen – Sie können noch heute damit beginnen.

Wichtig vorab: Diese Werkzeuge sind Hilfen für den Alltag – sie sind keine Beratung und ersetzen keine Therapie. Sie sollen unterstützen, entlasten und ein erster kleiner Schritt sein. Wenn die Sorgen größer werden, ist der Weg zu einer Fachperson die richtige Vorgehensweise. 
 

Wenn Sie Unterstützung brauchen

Es gibt Tage, da reichen kleine Werkzeuge nicht aus – und das ist völlig in Ordnung. Sich Unterstützung von außen zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein kluger und starker Schritt. Sie müssen das nicht allein tragen. Wenn Sie merken, dass alles zu viel wird, finden Sie hier sofort Hilfe.

Telefonseelsorge

116 123

Unterstützung in schwierigen Lebenslagen

Nummer gegen Kummer

116 111

für Kinder und Jugendliche, bundesweit kostenlos und anonym erreichbar

Unabhängige Patientenberatung Deutschland

0800 011 77 22

Startseite – Stiftung Unabhängige Patientenberatung Deutschland 

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Definitionen

Anpassungsstörung

Eine starke seelische Reaktion auf ein belastendes Ereignis, die deutlich über das übliche Maß hinausgeht und den Alltag beeinträchtigt. Sie ist behandelbar – und ein guter Grund, sich Unterstützung zu holen, statt zu warten. 

Parentifizierung

Wenn ein Kind Verantwortung übernimmt, die eigentlich bei den Erwachsenen liegt – etwa indem es tröstet, pflegt oder die Sorgen der Eltern trägt. Bei Krankheit in der Familie passiert das schnell und ungewollt – auf Dauer überfordert es Kinder. 

Psychoonkologische Beratung

Psychologische Unterstützung für Menschen mit Krebs – ausdrücklich auch für ihre Angehörigen, Kinder und Freunde. Sie ist in der Regel kostenlos und kein Zeichen dafür, dass etwas „schlimm genug" ist. 

Selbstfürsorge

Die Haltung, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und für sich zu sorgen – auch dann, wenn ein anderer Mensch schwerer krank ist als man selbst. Für Angehörige ist sie kein Egoismus, sondern die Voraussetzung, überhaupt für andere da sein zu können.

Neonatologie

Der Bereich einer Klinik, der Frühgeborene und kranke Neugeborene versorgt – oft eine Intensivstation. Für Eltern ist es der Ort, an dem Bangen, Hoffen und der Alltag über Wochen zusammenfallen. 

Palliativversorgung

Die Begleitung von Menschen mit einer unheilbaren Erkrankung – mit dem Ziel, Beschwerden zu lindern und Lebensqualität zu erhalten. Sie schließt ausdrücklich auch die Angehörigen mit ein. 

Selbsthilfegruppe

Ein Kreis von Menschen, die Ähnliches erleben und sich gegenseitig stützen. Der Austausch mit anderen Betroffenen wirkt oft schneller entlastend als jeder gute Rat von außen. 

Häufige Fragen zu Verlustängsten und Überforderung

Ja – diese Angst ist eine normale Reaktion auf eine Situation, die alles andere als normal ist. Wenn ein Mensch, den Sie lieben, bedroht ist, schaltet Ihr Körper in einen Ausnahmezustand: Sie funktionieren, organisieren und spüren sich selbst kaum noch. Problematisch wird es erst, wenn dieser Zustand über Monate anhält und Ihren Alltag bestimmt. 

Achten Sie auf Signale, die über Wochen anhalten: Schlaflosigkeit, ständiges Gedankenkreisen, Gereiztheit, Rückzug, Freudlosigkeit oder körperliche Beschwerden, die der Schlaf nicht behebt. Ein deutliches Zeichen ist, wenn Sie nur noch funktionieren und gar nicht mehr spüren, wie es Ihnen geht. 29 % der Menschen in Familien haben regelmäßig das Gefühl, professionelle Hilfe zu brauchen (R+V-Studie, INNOFACT 2026) – dieses Gefühl ernst zu nehmen, ist keine Schwäche, sondern klug.

Nein – es ist notwendig. Im Flugzeug gilt: erst die eigene Sauerstoffmaske, dann anderen helfen. Wer ständig nur für andere atmet, hört irgendwann auf, selbst zu atmen. Wenn Sie zusammenbrechen, können Sie niemanden mehr tragen – Selbstfürsorge ist deshalb kein Egoismus, sondern die Voraussetzung dafür, da zu sein. 

Sagen Sie es früh, ehrlich und beim Namen – Kinder spüren ohnehin, dass etwas nicht stimmt, und ihre eigenen Vermutungen sind meist schlimmer als die Wahrheit. Drei Botschaften sind entscheidend: Was es ist, dass sich Erwachsene darum kümmern, und dass das Kind keine Schuld daran trägt. Machen Sie klar, dass alle Fragen erlaubt sind – auch die schweren.

So viel, wie es seinem Alter entspricht – und so wenig, dass es nicht überfordert wird. Kleine Kinder brauchen einfache, konkrete Sätze und viel Verlässlichkeit im Alltag, Jugendliche wollen meist die ganze Wahrheit und ernst genommen werden. Wichtig ist weniger die Menge an Information als die Verlässlichkeit: Sagen Sie, was Sie wissen, und gestehen Sie ein, was Sie nicht wissen.

Weil die Angst nicht mit der Entlassung endet – ein weit verbreiteter Irrtum. Viele Eltern von Frühgeborenen berichten, dass noch Jahre später ein harmloser Husten sofort Panik auslöst. Diese Reaktion ist erlernt und verständlich. Sie muss nicht ganz verschwinden, aber Sie können lernen, sie zu tragen, ohne sie an Ihr Kind weiterzugeben. 

Weil Menschen unterschiedlich verarbeiten – und weil Rollenbilder mitspielen. In Studien mit Eltern von Frühgeborenen zeigen Mütter häufiger depressive Anzeichen, während bei Vätern die Ängstlichkeit besonders hoch ausfällt: Mehr als die Hälfte erreicht Werte im klinisch bedeutsamen Bereich (Universitätsklinikum Essen 2020). Väter funktionieren dabei oft nach außen und stellen ihre eigene Not hinten an – das ist keine Gefühllosigkeit, sondern eine andere Art zu tragen. 

Ja – und es hilft sogar. Sätze wie „Sei stark" oder „Nur die Harten kommen in den Garten" hindern viele Männer daran, Angst und Trauer zuzulassen oder Hilfe anzunehmen. Gefühle zu zeigen ist kein Zeichen von Schwäche: Wer sie ständig unterdrückt, riskiert, dass sie sich irgendwann anders Bahn brechen. 

Sorgen lassen sich nicht wegdrücken, aber bündeln: Hilfreich ist, die Gedanken aufzuschreiben, statt sie im Kopf zu wälzen – und den Tag mit etwas zu beenden, das nichts mit der Krankheit zu tun hat. Halten Schlafstörungen über Wochen an, sprechen Sie sie ärztlich an. 

Bei einer Krebserkrankung beraten der Krebsinformationsdienst (0800 420 30 40) und das INFONETZ KREBS (0800 80708877) kostenfrei – ausdrücklich auch Angehörige, Kinder und Freunde. Bundesweit gibt es über 150 psychosoziale Krebsberatungsstellen, die seit 2021 zu 80 Prozent von den Krankenkassen finanziert werden. Für Eltern von Frühgeborenen ist der Bundesverband „Das frühgeborene Kind" e. V. die zentrale Anlaufstelle. 

Ehrlich gesagt: meist nicht allein. Es gibt gesetzliche Möglichkeiten wie Pflegezeit und Familienpflegezeit, über die Krebsberatungsstellen und die Unabhängige Patientenberatung (0800 011 77 22) kostenlos informieren. Hilfreich ist außerdem, konkrete Aufgaben abzugeben – „Melde dich, wenn du was brauchst" führt selten zu Entlastung, eine klare Bitte dagegen schon. 

„Sei stark", „Das wird schon", „Kopf hoch" – solche Sätze sind meist gut gemeint und treffen trotzdem. Sie dürfen offen sagen, was Ihnen hilft und was nicht: „Ich brauche gerade keinen Rat, sondern jemanden, der zuhört." Wer helfen möchte, sollte konkret werden – etwa Essen vorbeibringen, statt zu warten, bis Sie sich melden.

Sprechen Sie es offen an, statt es zu übergehen – Kinder merken es ohnehin und schlucken den Ärger oft herunter. Schützen Sie kleine Inseln der Normalität, in denen die Krankheit kein Thema ist und schaffen Sie exklusive Zeit, auch wenn sie kurz ist. Achten Sie darauf, dass Geschwister nicht unbemerkt Erwachsenenaufgaben übernehmen – Fachleute nennen das Parentifizierung. 

Ja. Ob Unfall, chronische Erkrankung, ein pflegebedürftiger Elternteil oder eine andere schwere Krise: Das Erleben folgt denselben Mustern – die Angst um einen geliebten Menschen und die Erschöpfung, für alle stark sein zu müssen. Die Beispiele auf dieser Seite sind Beispiele, keine Bedingung. 

Holen Sie sich sofort Unterstützung – Sie müssen damit nicht bis zum nächsten Termin warten. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Bei akuter Gefahr für Sie oder andere wählen Sie bitte sofort die 112. 

Es war, als ob man mir die größte Form der Hilflosigkeit eingespritzt hätte.
Lukas Klaschinski,
Psychologe (M.Sc.), Autor und Podcaster
Wir sollten nicht den Zustand des Funktionierens anstreben, sondern den Zustand des Lebens.
Sinem Kuyar,
Klinische Psychologin, HumanProtect Consulting

Erstellt am: 12. Juli 2026
Zuletzt aktualisiert am: 12. Juli 2026 

Quellenverzeichnis

Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus repräsentativen deutschen Studien und Fachinstitutionen. Im Fließtext sind sie kurz ausgewiesen. Hier finden Sie die vollständigen Angaben.

Primärquelle

  • INNOFACT AG (2026): Umfrage „Mental Load 2026". Repräsentative Befragung im Auftrag der R+V Allgemeine Versicherung AG unter 1.000 Familien mit Kindern unter 18 Jahren in Deutschland. Düsseldorf/Wiesbaden.
    • Belegt: Erschöpfung im Familienalltag (63,4 %); Gefühl, mit den Aufgaben allein zu sein (55,0 %); zu wenig Zeit für sich selbst (67,3 %); regelmäßiges Gefühl, professionelle Hilfe zu brauchen (29,1 %).  

Ergänzende Fachquellen

  • Universitätsklinikum Essen, Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie & Klinik für Kinderheilkunde I / Neonatologie (2020): Postpartal Affective and Endocrine Differences Between Parents of Preterm and Full-Term Infants. In: Frontiers in Psychiatry, 11:251. DOI: 10.3389/fpsyt.2020.00251.  
    • Belegt: erhöhte Angst- und Depressionswerte bei Müttern und Vätern Frühgeborener; unterschiedliche Belastungsmuster.
  • Deutsche Krebshilfe (Hrsg.): Hilfen für Angehörige (Die blauen Ratgeber). Bonn.  
    • Belegt: Eine Krebserkrankung betrifft die gesamte Familie; Angehörige benötigen eigene Unterstützung.  
  • Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg: krebsinformationsdienst.de  
    • Belegt: kostenfreie Beratungsangebote für Familie, Angehörige und Freunde.
  • AWMF (Hrsg.): S2k-Leitlinie Psychosoziale Betreuung von Familien mit Früh- und  Neugeborenen.  
    • Belegt: Notwendigkeit psychosozialer Begleitung von Eltern während des Klinikaufenthalts.  

Doku-Videos

(„Gedankenkreisel“ R+V-Mental-Load-Dokumentation)

  • Frühgeburt: wenn die Angst bleibt  

  • Krebs: wenn die Diagnose die ganze Familie trifft 

Vorträge

(R+V-Sorgenfresser-Familientag, Schlachthof Wiesbaden)

  • Klaschinski, Lukas: „Was zählt, wenn plötzlich alles auf dem Spiel steht." 

  • Kuyar, Sinem: „Nicht funktionieren – leben."  

Beratungsangebote

(Kontaktdaten geprüft am 12.07.2026)

Quellen anzeigen schließen