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"Alle Eltern machen Fehler" – Experteninterview zum Thema Sitzenbleiben

Mit Klaus Seifried, Schulpsychologiedirektor, Leiter des Schulpsychologischen Beratungszentrums Tempelhof-Schöneberg in Berlin.

R+V: Wie stehen Sie zu der aktuellen Debatte? Ist die Praxis des Sitzenbleibens sinnvoll?

Menschen haben meist kein homogenes Leistungsprofil – auch Schüler nicht. Bei einer Klassenwiederholung wird aber das ganze Fächerspektrum wiederholt und nicht nur die Fächer, in denen die Schüler schwache Leistungen hatten. Für Jugendliche, die komplett ausgestiegen sind, kann die Klassenwiederholung ein heilsamer Prozess sein. Die Möglichkeit besteht jedoch auch, dass sie sich in der neuen Klasse langweilen und deshalb noch weniger arbeiten. Es gibt Fälle, in denen Jugendliche die 7. oder 8. Klasse gleich zweimal wiederholen. Diese Schüler stören häufig und haben einen negativen Einfluss auf die anderen.

Pädagogisch gesehen ist das Sitzenbleiben daher nicht sehr sinnvoll. Ausnahmefälle bestehen, wenn der Schüler länger erkrankt ist oder länger die Schule geschwänzt hat. Dazu kommt der Kostenfaktor von 5.000 bis 8.000 Euro pro Schüler. Diese Kosten wären in präventiven Maßnahmen und schulischer Förderung sinnvoller angelegt – zum Beispiel in einer speziellen Kleingruppenförderung.

Was sind die häufigsten Gründe für das Sitzenbleiben?

Es gibt mehrere Gründe: Zum einen mangelnde Motivation und Schulunlust, Freizeitaktivitäten wie Computerspielen oder Freunde treffen haben oft einen größeren Stellenwert als die Schule. Weitere Gründe sind die mangelnde Unterstützung schulischer Leistungen durch die Familie oder der Einfluss der Peergroup (Anm. der Redaktion: Damit bezeichnet die Erziehungswissenschaft eine Gruppe etwa gleichaltriger Personen). Auch Leistungsprobleme wie Teilleistungsstörungen – zum Beispiel Rechenschwäche oder Lese-Rechtschreib-Schwäche – können zu Schulversagen führen, wenn die Schüler keine Förderung und Unterstützung erhalten.

Wie reagieren Eltern generell auf die schlechten Leistungen ihrer Kinder?

Das Spektrum bewegt sich zwischen zwei Extremen: Eltern, die sich gar nicht kümmern und oft auch bildungsfern sind. Sie kommen nicht zu Elternabenden oder Elternsprechtagen. Die Kinder schwänzen dann zum Beispiel über einen längeren Zeitraum die Schule. Auf der anderen Seite stehen Eltern mit extrem hohen Erwartungen. Ist dieser Erwartungsdruck zu hoch und die Kinder können diese Leistungserwartungen nicht erfüllen, entsteht schnell eine emotionale Belastungssituation, die zu Ängsten und einer Lernblockade führen kann.

Und wie können Eltern ihren sitzengebliebenen Kindern am besten helfen?

Eltern müssen sich Zeit nehmen für ihre Kinder und zu Hause regelmäßig über die Schule sprechen. Außerdem ist es gut, zu kontrollieren, was in der Schule passiert. Dann merken die Kinder: "Meine Eltern kümmern sich." Dazu gehört auch der Kontakt zu den Lehrern. Eltern sollten grundsätzlich eng mit der Schule und den Lehrkräften kooperieren und gemeinsam überlegen, wie das Kind am besten gefördert werden kann. Die Eltern können so frühzeitig reagieren, wenn ihr Kind Leistungs- oder Verhaltensprobleme entwickelt.

Wichtig sind außerdem klare Regeln: "Ich erwarte, dass du jeden Tag 30 Minuten oder eine Stunde etwas für die Schule machst." Gleichzeitig sollten Kinder möglichst früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. In der 1. Klasse kann der Schüler dafür verantwortlich sein, die Schultasche zu packen und seinen Schreibtisch aufzuräumen. Je älter das Kind wird, umso wichtiger ist selbstständiges Lernen.

Wann ist es sinnvoll, Hilfe von außerhalb zurate zu ziehen?

Bei Leistungsproblemen sollten Eltern den Kindern zusätzlich vermitteln: "Ich mag dich, auch wenn du eine 5 in Mathe hast." Am besten stützen sie ihr Kind, akzeptieren die Leistungsschwäche und suchen gemeinsam einen Ausweg. Dieser Ausweg kann auch darin bestehen, sich Expertenrat zu holen. Dann kann geklärt werden, ob das Kind kognitiv überfordert ist und daher das Gymnasium nicht schafft – oder ob es unterfordert ist. Die Anzeichen können in beiden Fällen ähnlich sein.

Der erste Ansprechpartner sollte der Klassen- oder Fachlehrer sein. Danach können Eltern gemeinsam mit dem Lehrer den Schulpsychologen aufsuchen. Dort kann man über die Probleme und einen möglichen Förderplan sprechen. Gibt es zu viel Druck von zu Hause oder – im Gegenteil – keine klaren Regeln? Ist eine Lerntherapie sinnvoll oder eine Intelligenzdiagnostik?

Sollten sich Eltern auch selbst beraten lassen?

Erziehung ist schwierig. Alle Eltern machen Fehler. Daher ist es wichtig, sich Rat zu holen. Das kann helfen, die Beziehung zum Kind auch in der Krise zu halten &ndsah; auch wenn die Versetzung gefährdet ist, der Schüler trinkt, kifft oder schwänzt. Die Beziehung muss gehalten werden, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. Reden, Zeit haben, Konfrontationen aushalten, auch mal wütend sein – das gehört dazu.

Gerade in der Pubertät ist für Jugendliche vieles wichtiger als Schule und Eltern: das andere Geschlecht, die Meinung der Kumpels. Aber das ist auch ein notwendiger Prozess, bei dem sich das Ich ausprägt. Kinder müssen sich abgrenzen und Eltern müssen lernen, das hinzunehmen. Eltern müssen es auch aushalten, wenn die Kinder scheinbar undankbar sind und sich beschweren: "Die anderen dürfen das aber!" Eine Elternberatung kann für Gelassenheit sorgen, bis die positiven Zeiten wiederkommen. Denn die kommen wieder.

Warum bleiben Jungs öfter sitzen als Mädchen?

Im Verhältnis 1 zu 4 treten bei Jungs Gewalt, Sitzenbleiben und Schwänzen häufiger auf. Über die Ursachen wird viel spekuliert. Jungs sind häufiger aggressiv, stören den Unterricht und zeigen nichtangepasstes Verhalten. Sie sind ausagierender. So geraten sie schneller in Konflikte mit Lehrern und Klassenkameraden. Mädchen tragen Konflikte eher im Inneren aus. Jungs zeigen eine höhere Risikobereitschaft, was unsere Gesellschaft durch Rollenvorbilder auch fördert.

Kann ein Schulwechsel sinnvoller sein als das Sitzenbleiben?

Schulwechsel können Wunder wirken. Das sollte jedoch mit Eltern, Lehrern und Schülern individuell besprochen werden. Die positive Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler ist für den Lernerfolg wichtig. Besteht diese nicht oder ist gestört, kann ein Wechsel gut sein. Bei einer Überforderung kann der Wechsel vom Gymnasium zur Realschule der richtige Weg sein.

Haben Sie abschließend noch weitere Tipps für Eltern?

Schülern fällt es oft schwer, ihre Zeit einzuteilen. Daher sollten Eltern mit ihren Kindern Arbeitspläne machen: Wann wird die nächste Klassenarbeit oder Klausur geschrieben? Wie bereite ich mich auf die Nachprüfung nach den Sommerferien vor? Es gilt, realistische Ziele zu setzen. Denn häufig lernen Schüler erst am Abend vor der Klausur, obwohl der Termin seit Wochen feststeht. Arbeitsorganisation ist entscheidend.

Häufig kommt es beim Lernen zwischen Eltern und Kindern immer wieder zum Streit und es wird schwer, die positive Beziehung zu halten. Gibt es Konflikte mit dem Kind, kann Hilfe von außen der beste Weg sein, zum Beispiel ein älterer Schüler für Nachhilfeunterricht.

Im Idealfall handeln Eltern präventiv und schauen frühzeitig, wie sie ihr Kind unterstützen können – bevor es massive Leistungsprobleme in der Schule entwickelt und sitzenbleibt. Dass die Leistung im entsprechenden Schuljahr nicht ausreicht, zeichnet sich meist schon vor Weihnachten ab.

Autor/in

D.Konrad

Mai 2013

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