Die Allrounderin

Im Profil: Julia Merkel, R+V Vorstand für Personal und Konzerndienstleistungen

Quelle: Versicherungswirtschaft, November 2019 (von Alexander Kaspar)

Julia Merkel, seit dem 1. Januar 2016 für die Ressorts Personal und Konzerndienstleistungen sowie als Arbeitsdirektorin für die gesamte Gruppe der R+V Versicherungen zuständig, passt einfach in keine Schublade, so groß sie auch sein mag. Dafür ist die am 17. Oktober 1965 in Göttingen geborene Managerin viel zu unkonventionell, hat in ihrer Karriere viel zu viel gesehen und erlebt, ist weltweit herumgekommen und hat, ganz untypisch für die Welt der Versicherungswirtschaft, dabei Einblicke in höchst unterschiedliche Bereiche und Branchen genommen.

INTERNATIONAL UNTERWEGS

Welcher Versicherungsmanager kann schon von sich behaupten an entscheidender Stelle die Geschicke eines Modekonzerns mitbestimmt zu haben, in die Geschäftsführung von Deutschlands größter Baumarktkette involviert oder als Corporate Executive Development eines börsennotierten Konzerns von Großhandels- und Einzelhandelsunternehmen verantwortlich gewesen zu sein? All dies und noch viel mehr vereint Merkel als weit gereiste Topmanagerin mit Stationen in den USA, Japan, Frankreich und schließlich Deutschland in ihrer Vita. Das alles miteinander verbindende Element ist dabei der Mensch, der Mitarbeiter, der Kollege im Maschinenraum. Ihm gilt Merkels Aufmerksamkeit und das über fast alle Stationen ihres Wirkens hinweg.

Doch bevor sie sich um die Aus- und Weiterbildung, das Talentscouting und die Nachwuchsförderung in den ganz großen Unternehmen kümmern wird, steht noch während ihrer eigenen Schulzeit die persönliche Qualifizierung ganz oben auf der Agenda. Mit siebzehn Jahren bricht sie noch während der Schulzeit für ein Jahr nach North Carolina auf, um als Austauschschülerin nicht nur Land und Leute kennenzulernen, sondern neben dem Erwerb eines flüssigen Businessenglisch auch die eigenen Präferenzen auszuloten. Nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten und nach abgelegtem Abitur nimmt Merkel mit neunzehn Jahren ein Studium der Betriebswirtschaft an der Berufsakademie Heidenheim auf und engagiert sich parallel dazu von 1984 bis 1986 als Wirtschaftsassistentin bei der Industrie-und Handelskammer Ost-Württemberg.

Nach erfolgtem Studienabschluss als diplomierte Betriebswirtin zieht es Merkel erneut ins Ausland: Im benachbarten Frankreich verdient sich die Zweiundzwanzigjährige in Lyon beim französischen Baumarktkettenbetreiber Castorama S.A. nicht nur ihre ersten Sporen als Junior Produktmanager, sondern erlernt auch noch die französische Sprache fließend zu sprechen, wie die Englische. Damit steht ihr bereits halb Europa als Arbeitsplatz zur Verfügung. Doch nach einem weiteren Jahr erfolgt der nächste Wechsel des Landes, jedoch nicht der Branche.

Von 1988 bis 1992 heißt der neue Arbeitgeber Obi Bau- und Heimwerkermärkte. An dieser Stätte kristallisiert sich auch schon der zukünftige Arbeitsschwerpunkt Merkels heraus: Personalreferent HR Management and Controlling. Unterbrochen wird ihre Zeit bei Obi 1992 von einem weiteren Auslandsaufenthalt. Für ein Jahr ist Merkel als Stipendiatin der Carl-Duisberg-Gesellschaft bei einer der größten japanischen Kaufhausketten, der im Nikkei gelisteten Mitsukoshi Ltd. in Tokyo engagiert. Japanisch lernt Julia Merkel dabei zwar nicht fließend, Grundkenntnisse nimmt sie aber wieder mit nach Wermelskirchen bei Köln, dem Hauptsitz von Obi, wo sie nun in der Systemzentrale Personalleiterin mit Prokura wird. Das bleibt sie bis zum Jahr 2000. Als Karrierebeschleuniger wirkt sich in dieser Zeit auch der Besuch der Management Werkstatt für das Top Management im Bereich International Retailing des Gottlieb-Duttweiler-Institut in Zürich aus, denn ab 2000 rückt Merkel in die Geschäftsführung bei Obi auf. Human Resources & Administration lautet ihr Tätigkeitsbereich im Global Headquarter.

VOM BAUMARKT ZUR MODE

Nach fünfzehn Jahren, inklusive der genannten Unterbrechungen, endet die Ära Merkel 2003 bei den Heimwerkern. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 38 Jahre alt und verfügt mittlerweile über umfangreiche Qualifikationen und tiefes Know-how in Sachen Groß- und Einzelhandel. Dieses Wissen macht sich ab 2003 für insgesamt sieben Jahre die Metro AG zunutze, Merkel übernimmt im Hause die Leitung Corporate Executive Development.

Dass Leben auch lebenslanges Lernen bedeutet beweist die Managerin im Jahr 2010. Als 45-Jährige scheut sich die gestandene Managerin nicht, gewissermaßen erneut die Schulbank zu drücken. In New York nimmt Merkel am Graduate School of Business am Columbia Senior Executive Program teil. Danach wechselt sie den „Blaumann" gegen das „Kostüm" und wird Personalgeschäftsführerin beim Modekonzern Esprit Europe. Vier Jahre dauert dieses Engagement, dann ist mit dem Thema Mode, zumindest beruflich, Schluss. Manch ein Kollege hat nach einem solchen Karriereweg genug von Ausbildung und Qualifikation, nicht so Julia Merkel. Noch im Jahr 2014 schreibt sie sich in der englischen Privatuniversität Ashridge Business School nahe London ein und unterzieht sich einem „Professional Excellence in Accredited Coaching".

Der Lohn dieser Mühe ist ab 2015 die Funktion einer Generalbevollmächtigten bei der genossenschaftlich organisieren R+V Versicherung AG, wo Merkel bereits ein Jahr später laut und vernehmlich an die Türen der Vorstandsetagen klopft. Dem gibt das Unternehmen, welches sich als öffentlicher Versicherer auch in der Diskussion um Frauen in Führung nicht verschließen will, bereitwillig statt. Damit zieht nicht nur eine weitere Frau in den Vorstand ein, sondern Weitsicht, Weltläufigkeit und Personalexpertise. Die kann in Zeiten des allseits beklagten Fachkräftemangels nicht hoch genug sein und so ist es auch den Experten an dieser Wirkungsstätte wichtig, wie es im Geschäftsbericht aus dem Jahr 2018 heißt: „Die ständige Weiterentwicklung der eigenen Mitarbeiter hat für R+V einen hohen Stellenwert. In der 2017 neu gegründeten R+V Akademie bündelt R+V die Aus- und Weiterbildungsangebote. Die Akademie steht dabei für mehr als nur Wissens- und Methodenvermittlung." Das klingt wie eine Blaupause destilliert aus Merkels eigenem (Aus-)Bildungsansatz.

QUALITÄT STATT QUOTE

Wie sehr ihr das Thema Aus- und Weiterbildung am Herzen liegt zeigt sich auch im persönlichen Engagement beim „Wuppertaler Kreis", einer Initiative des 1955 vom Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) gegründeten Verbandes der führenden Weiterbildungsdienstleister der deutschen Wirtschaft. Auch hier sitzt Merkel als Vorsitzende im Vorstand und betreut mit ihren Kollegen rund 100.000 Veranstaltungen im Jahr. Die Mitglieder des Kreises haben sich zur Einhaltung eines gemeinsamen hohen Qualitätsstandards in der Weiterbildung verpflichtet. Als Dachorganisation setzt sich der Wuppertaler Kreis auch in der Öffentlichkeit für die Qualitätssicherung in der Weiterbildung ein, heißt es in der Aufgabenbeschreibung der Initiative.

Zentraler Begriff ist hier wie bei Julia Merkel die Vokabel Qualität und eben nicht die Quote. Ein Thema, mit der erfolgreiche Frauen in leitender Position immer wieder konfrontiert werden. Doch wer im Gespräch mit der Managerin auf das Thema Quote zu sprechen kommt, erlebt eine vom politischen Mainstream unabhängige Frau, die auf Fragen wie: Warum ist es für Frauen noch immer so schwer in Führungspositionen zu gelangen? souverän antwortet: „Die pauschale These, dass sich Frauen schwertun in Führungspositionen zu kommen, greift meines Erachtens zu kurz. Viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen eine hierarchische oder lineare Karriere. Einige Frauen stellen bei der Frage Experte oder Führungskraft fest, dass sie sich zwar fachlich als Führungskraft eignen, aber aufgrund ihrer Persönlichkeit und Motivation eher in der Expertenrolle ihre berufliche Erfüllung sehen. Frauen wägen darüber hinaus gründlich ab, inwiefern die berufliche Karriere kompatibel ist mit anderen Lebensentscheidungen und Verantwortungen, wie zum Beispiel Familie. Und sie überlegen sich genau, ob sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen. In vielen Unternehmen entscheiden sich zunehmend auch fähige und gut ausgebildete Männer bewusst gegen eine Führungskarriere und streben andere Rollen an." Auch einen Wettbewerb zwischen den Geschlechtern lehnt Merkel ab, wenn sie auf die Frage, wie lang denn eigentlich Frauen in der Finanzbranche bräuchten, um überhaupt mit den Männern gleichzuziehen? „Ist es denn überhaupt das Ziel, mit den Männern gleichzuziehen? Ich würde viel mehr empfehlen, Führung und Karrieren neu zu denken, die Rollen attraktiver zu machen und die Rahmenbedingungen neu zu gestalten. Unser digitales Zusammenarbeitszeitalter gibt uns hier viel mehr Gestaltungsraum, als wir das in den letzten Jahrzehnten hatten. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel zum Thema Führung - dann brauchen wir auch keine Hochrechnungen bis 2098."

„Ich sehe meine Aufgaben als Vorstand darin, für eine klare Strategie zu sorgen und Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Es gilt sich als Führungskraft zu beweisen - unabhängig von der Frage, ob als Mann oder Frau.“



KLARE PHILOSOPHIE

Dass sich Frauen in Führungspositionen stärker beweisen müssten als ihre männlichen Kollegen kann Julia Merkel nicht so ohne Weiteres nachvollziehen, wenn sie antwortet: „Für mich war und ist immer nur der operative und strategische Beitrag entscheidend, den ich mit der mir anvertrauten Organisation zum Erfolg des Unternehmens erreiche. So habe ich nicht erlebt, dass ich mich aufgrund meines Geschlechtes beweisen musste. Ich sehe meine Aufgaben als Vorstand darin, für eine klare Strategie zu sorgen und Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Dafür müssen wir notwendige Organisationsstrukturen, Ressourcen und Kompetenzen sichern, Prozesse und Potenziale der IT für Optimierungen und Innovationen nutzen und eine moderne Leadership- bzw. Zusammenarbeitskultur fördern. Es gilt sich als Führungskraft zu beweisen - unabhängig von der Frage, ob als Mann oder Frau." Hier spricht eine unabhängige Persönlichkeit, die sich ihre Position mit Ausdauer, Kompetenz und Erfolgen erarbeitet hat und abschließend auf eine jüngst veröffentlichte Studie der Axa Deutschland mit der Aussage „Frauen fehlt es an Selbstbewusstsein in Finanzfragen" retourniert: „Diese generalisierte Aussage halte ich für provokativ und kann sie mit meiner Empirie nicht in Einklang bringen. Ich setze auf eine Modernisierung der Führungs- und Zusammenarbeitskultur und darauf, Karrieren neu zu denken und Rollenanforderungen zu modernisieren - denn mit zeitgenössischer Diagnostik haben Menschen eine fundierte Basis für ihre Berufsentscheidungen sowie Transparenz, was es bedeutet, Führungskraft zu sein." Dem ist nichts hinzuzufügen. Die erfahrene Managerin weiß, wovon sie spricht und ist selbstbewusst genug, ihre dezidierte Meinung auch öffentlich zu kommunizieren.

Julia Merkel, die man sich mit dieser Vita auch als Hochschulrektorin oder auch als Ministerin vorstellen könnte, will einerseits die Menschen, vulgo ihre Mitarbeiter, anleiten lebenslang zu lernen, um ihre Potenziale zu entwickeln, sie will aber auch gestalten, die Zukunft großer Unternehmen wie ihr persönliches Umfeld. Sie liebt nach eigener Aussage Musik, Kunst, Literatur und Reisen, sie ist verheiratet und war bis 2017 die einzige Frau im Vorstand der R+V Versicherung. Ihre Erfahrung und Expertise bringt sie auch beim Arbeitgeberverband der Versicherungswirtschaft (AGV) mit ein. Als Beiratsmitglied in der Initiative „Frauen in Führung" ist ihr die Förderung des weiblichen Nachwuchses eine Herzensangelegenheit, denn dies nicht zu tun wäre „fahrlässig", so Merkel auf die Frage, ob sie Frauen speziell im Vertrieb fördern wolle: „Zahlreiche Studien bestätigen, dass geschlechtergemischte Teams erfolgreicher sind, und das gilt ganz besonders für den Vertrieb." Auch einen ultimativen Karrieretipp für ambitionierte Frauen hat Merkel zum Schluss parat. Wichtig seien relevante sowie sichtbare Ergebnisbeiträge und diese auch zu kommunizieren. Außerdem müssten eigene Entwicklungsvorstellungen geäußert werden - nicht nur einmal. Gleichzeitig müssten Rückschläge, und die gibt es immer, positiv verarbeitet werden. Man solle nicht darauf warten, dass man gefragt werde. Wie gesagt, Julia Merkel passt in keine Schublade.

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