„Die Ängste der Deutschen“ im Langzeitvergleich

    Wie haben sich die Sorgen der deutschen Bevölkerung im Lauf der Zeit verändert? Die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“ ist bundesweit die einzige Umfrage, die die Ängste der Menschen über einen Zeitraum von 35 Jahren dokumentiert. Der Langzeitvergleich zeigt, welche Ängste seit 1992 im Fokus standen und gibt Aufschluss über die Intensität der unterschiedlichen Sorgen.

    Die sieben größten Ängste 1992 bis 2026

    Angst vor
    Text 1 10 %
    Text 2 10 %
    Text 3 10 %
    Text 4 10 %
    Text 5 10 %
    Text 6 10 %
    Text 7 10 %

     

    Übersicht über die größten Ängste der R+V-Studie seit Beginn der Befragung im Jahr 1992: Einfach im blauen Balken auf den Pfeil klicken und das gewünschte Jahr auswählen.

    Der Durchschnitt aller Ängste

    Der Angstindex – der Durchschnitt aller abgefragten Ängste – gibt Aufschluss über die Stimmungslage in Deutschland. Einige Erläuterungen zu den bisherigen Spitzenwerten der R+V-Studie:

    - Insolvenzen, ein Reformstau in den Sozialsystemen und mehr als vier Millionen Arbeitslose beunruhigen die Deutschen im Jahr 2003 sehr. Nach den Anschlägen von 9/11 schießt außerdem die Terrorangst in die Höhe. Der Angstindex steigt enorm an. 

    - 2010 verzeichnet die Studie einen erneuten Höchstwert. Damals gibt es alarmierende Nachrichten über die Finanzmarkt- und Währungskrisen sowie Rettungsschirme für überschuldete EU-Staaten.

    - 2016 erschüttern harte Auseinandersetzungen über die Flüchtlingskrise und die Einwanderungspolitik das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen.

    - Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise in den Jahren 2020/2021 bleiben die Deutschen erstaunlich gelassen – der Angstindex bewegte sich unterhalb der 40-Prozent-Marke. 

    - Ukraine-Krieg, Wirtschaftseinbruch und Inflation: Viele Deutsche sind verunsichert. Im Jahr 2023 steigt der Angstindex zum zweiten Mal in Folge und erreicht mit 45 Prozent das höchste Niveau seit fünf Jahren. 

    - 2026 blicken die Deutschen insgesamt recht gelassen auf die Welt: Der Angstindex liegt bei 38 Prozent. Damit liegt das Angstniveau nur 2 Prozentpunkte höher als im bisher sorgenärmsten Jahr 2021. 

    Die Top-Ängste 2011 bis 2026

    Die Zyklen der größten Ängste: 

    - Nachdem 2010 der Rettungsschirm für überschuldete EU-Staaten in Kraft tritt, rückt die Angst in den Vordergrund, dass die EU-Schuldenkrise für den deutschen Steuerzahler teuer wird. 

    - Unter dem Eindruck der Attentate der IS-Terrormiliz verstärkt sich die Terrorangst 2016 und 2017 enorm. Sie steht zwei Jahre in Folge auf Platz 1 der Ängste-Skala. 

    - 2021 treten wieder wirtschaftliche Ängste in den Vordergrund. Die Mehrheit der Deutschen fürchtet Steuererhöhungen und Leistungskürzungen als Folge der Corona-Politik. 

    - Deutschland verzeichnet 2022 die höchste Inflation seit fast 50 Jahren. Seitdem ist die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten zurück. Sie führt auch 2026 das Ranking an – nach einem deutlichen Anstieg um 7 Prozentpunkte auf 59 Prozent.

    Steigende Preise beunruhigen viele Deutsche

    Die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten treibt die Deutschen regelmäßig um. Anfang der 1990er Jahre klettert mit dem Ölpreis das gesamte Preisniveau kräftig nach oben. Gleichzeitig wächst die Angst, dass alles immer teurer wird, deutlich. Ihren Höchstwert erreicht sie 2008, als die weltweite Finanzkrise für massive Kurseinbrüche an den Börsen sorgt. Im Verlauf der Langzeitstudie belegt die Angst 16-mal Platz 1 – bei insgesamt 35 Befragungen. Auch 2026 führt die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten das Ranking an – zum fünften Mal in Folge.  

    Ängste vor Folgen der Migration nehmen etwas zu

    Die Zuwanderungszahlen gehen 2026 zurück, trotzdem beschäftigt das Thema Migration viele Menschen. 52 Prozent der Befragten fürchten, dass die Zahl der Geflüchteten den Staat überfordert. Auf Platz 7 landet mit 47 Prozent die Angst, dass es durch weiteren Zuzug aus dem Ausland zu Spannungen kommt. Damit haben beide Sorgen im Vergleich zum Vorjahr etwas zugenommen. Mit Blick auf den Langzeitvergleich wird aber auch sichtbar: Beide Sorgen liegen deutlich unter ihren Höchstwerten von 2016. Zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle fürchten zwei von drei Befragten, dass der Staat überfordert ist.

    Auf und Ab bei wirtschaftlichen Ängsten

    Die Angst vor einer Rezession begleitet die Deutschen seit Jahren. Die Terroranschläge von 9/11 und das Platzen der Dotcom-Blase 2002 wirken sich weltweit aus – die deutsche Wirtschaftsleistung sinkt. Gleichzeitig steigt in der Bevölkerung die Rezessions-Angst. Ihren Rekordwert von 70 Prozent erreicht die Furcht nach einem massiven Stellenabbau bei deutschen Großkonzernen. Nach einer kurzen Beruhigung folgt die Finanzmarktkrise – in Deutschland wächst erneut die Furcht vor einem Einbruch der Wirtschaft. Weiter befeuert wird sie 2009/2010, zu Zeiten der Euro-Schuldenkrise. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs steigt die Angst 2021 erneut spürbar an. 2026 beginnt der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus. Die Sorge springt um 10 Prozentpunkte nach oben: Mehr als jeder zweite Deutsche hat große Angst vor einer Rezession. 

    Die Deutschen und ihre Politiker

    Das Vertrauen der Deutschen in ihre Politikerinnen und Politiker ist traditionell schlecht. Dass diese von ihren Aufgaben überfordert sind, befürchten in diesem Jahr 48 Prozent der Menschen. Höchstwerte hat diese Angst in den frühen 2000er Jahren erreicht: 2005 mündet die Unzufriedenheit mit der Politik unter Kanzler Schröder in der Vertrauensfrage. 2015/2016 fliehen Millionen Menschen nach Europa, die Politik ist unter Handlungsdruck. Zu Beginn der Corona-Krise ist das Vertrauen in die Politikerinnen und Politiker hingegen besonders groß und die Angst vor einer Überforderung der Politik historisch niedrig.

    Schulnoten für Regierung und Opposition

    Wie benoten die Menschen die Arbeit der Politikerinnen und Politiker in Regierung und Opposition? Danach fragt die Studie seit 2010 die Deutschen. Wirklich gut ist die Bewertung nie. Den bislang schlechtesten Notendurchschnitt gibt es 2010 mit einer 4,6. Nach der Finanzkrise 2008/2009 trifft die Politik harte Sparmaßnahmen. Am besten kommen die Politikerinnen und Politiker 2020 weg – in der Corona-Krise erhalten sie eine 3,4 ins Zeugnis. 2026 – die Regierung von Friedrich Merz geht ins zweite Jahr – sind die Schulnoten erneut miserabel, der Schnitt liegt bei 4,1. Noch schlechter sind die Noten zuletzt 2018 ausgefallen, damals ist noch Angela Merkel Bundeskanzlerin.   

    Angst vor politischem Extremismus

    Seit 1996 fragt die Studie nach der Angst vor Extremismus. Höchstwerte erreicht diese Angst ab 2016. Damals nehmen insbesondere rechtsextremistische Straftaten drastisch zu. 2026 befürchten 41 Prozent der Befragten, dass sich der politische Extremismus ausbreitet. Die Studie hakt nach: An welches politische Spektrum denken die Befragten bei diesem Thema? 45 Prozent fürchten islamistischen Extremismus und 42 Prozent Rechtsextremismus. Vor Linksextremisten fürchten sich lediglich 7 Prozent. 

    Angst vor Pflegebedürftigkeit ist vor allem ein Thema für Frauen

    Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt in Deutschland kontinuierlich an, 2026 erhalten mehr als sechs Millionen Menschen Pflegeleistungen. Die Angst, im Alter auf fremde Hilfe und Pflege angewiesen zu sein, folgt dieser Entwicklung nicht. 2005 erreicht sie mit 62 Prozent ihren bisherigen Höchstwert. Im Jahr 2026 beunruhigt das Thema 41 Prozent der Befragten. Bei Frauen, die häufiger die Pflegenden in den Familien sind, ist diese Angst generell größer als bei Männern.

    Angst vor Altersarmut

    Fast jeder fünfte Deutsche im Rentenalter gilt als armutsgefährdet. Das spiegelt sich auch in den Ängsten der Deutschen wider. 2026 fürchten 37 Prozent der Befragten, dass sie ihren Lebensstandard im Alter nicht halten können. Im Jahr 2005 hat fast die Hälfte der Menschen Angst vor Altersarmut – der bislang höchste Wert. Am geringsten ausgeprägt ist die Sorge 2020 mit 32 Prozent.

    Krieg beunruhigt die Deutschen

    1999 herrscht im Kosovo Krieg, die Furcht vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung erreicht ihren bisherigen Höchstwert. 2022, nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, tritt diese Angst wieder in den Vordergrund: Sie steigt sprunghaft um 26 Prozentpunkte an. 2026 dauert der Krieg an. Die Sorge geht zwar auf 34 Prozent zurück, liegt aber noch weit über dem Niveau vor Kriegsbeginn (2021: 16 Prozent). 

    Terrorangst seit dem Anschlag in New York

    Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001 bleibt die Terrorangst lange auf hohem Niveau. Ihren bisherigen Höchststand erreicht sie nach den Attentaten der Terrormiliz IS in Europa. Ab 2018 ist diese Angst rückläufig und erreicht 2021 mit 32 Prozent den seitdem niedrigsten Wert. 2026 hat rund jeder Dritte große Angst vor terroristischen Anschlägen.

    Angst vor schwerer Erkrankung 

    2026 hat ein Drittel der Deutschen Angst vor einer schweren Erkrankung. Damit liegt die Sorge seit 2017 immer unter 40 Prozent. 2020 – zu Beginn der Corona-Pandemie – sinkt sie überraschenderweise auf den bisher tiefsten Stand. Im Jahr 2005, nach der Gesundheitsreform, bereitet dieses Thema noch fast zwei Dritteln der Befragten Sorgen.

    Furcht vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln

    Pestizide, Mikroplastik und Antibiotika-Rückstände in Lebensmitteln: Mancher Verbraucher fragt sich, was er überhaupt noch gefahrlos essen kann. Ihren bisherigen Höchststand erreicht die Angst vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln 2011 nach der EHEC-Epidemie. Damals sorgt ein aggressiver Darmkeim in Sprossen für tausende Krankheits- und sogar Todesfälle. 2026 befürchten 32 Prozent der Deutschen, dass Nahrungsmittel immer stärker mit Schadstoffen belastet sind – das ist der niedrigste Wert seit Aufnahme der Frage in die Langzeitstudie. 

    Angst vor Arbeitslosigkeit in Deutschland

    Wenn Unternehmen massiv Stellen abbauen, fürchten viele Bürger um die Sicherheit der Arbeitsplätze. Ihren Höchststand erreichen die Angst vor eigener Arbeitslosigkeit und die Sorge vor bundesweit hohen Arbeitslosenzahlen 2005. Ab 2010 – in Deutschland herrscht damals Wirtschaftswachstum – sind diese Sorgen insgesamt rückläufig. Die Angst vor hohen Arbeitslosenzahlen erreicht 2017 mit 26 Prozent ihren bisher niedrigsten Wert. Angst um den eigenen Arbeitsplatz haben 2026 nur noch 20 Prozent der Bürgerinnen und Bürger – weniger als je zuvor in der Studie.

    Umweltängste nehmen ab 

    Im Jahr 2003 wird die Angst vor Naturkatastrophen in die Studie aufgenommen. Die Langzeitauswertung zeigt: Nach großen und überregionalen Unwetter-Ereignissen steigt die Sorge in der Bevölkerung. 2022 – ein Jahr nach der Ahrtalflut – äußert fast jeder zweite Befragte Angst vor Naturkatastrophen, danach geht die Sorge zurück. 2026 erreicht sie mit 30 Prozent ihren bisher niedrigsten Stand. Die Angst vor dem Klimawandel erreicht 2026 ebenfalls ihren bisher niedrigsten Wert. Sie ist seit 2018 Teil der Studie. 

    Angst vor Störfällen in Atomkraftwerken

    Seit der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 fragt die Studie die Angst vor Störfällen in Atomkraftwerken ab. Damals fürchtet sich mehr als jeder zweite Befragte vor den Folgen eines Reaktorunfalls. Seit 2023 werden in Deutschland keine Atomkraftwerke mehr betrieben. Mögliche Risiken in europäischen Nachbarländern tragen die Deutschen mit Fassung: Nur rund jeder Fünfte fürchtet Störfälle in Atomkraftwerken. 

    Angst vor Straftaten weiter auf niedrigem Stand

    Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung oder Betrug: Rund 5,8 Millionen Straftaten verzeichnet das BKA für 2024 in der polizeilichen Kriminalstatistik. Straftaten bereiten 2026 weniger Sorgen als alle anderen abgefragten Themen. Nur knapp jeder fünfte Bundesbürger fürchtet sich davor, Opfer von Kriminellen zu werden. 

    Durchschnittliche Angst von Frauen und Männern

    Aus dem Langzeitvergleich wird deutlich: Frauen sind grundsätzlich ängstlicher als Männer. Das zeigt die Studie bereits 1992 – und es bleibt auch im Jahr 2026 unverändert.