„Die Ängste der Deutschen“ im Langzeitvergleich

Wie haben sich die Sorgen der deutschen Bevölkerung im Lauf der Zeit verändert? Die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“ ist bundesweit die einzige Umfrage, die die Befindlichkeiten der Bundesbürger über einen Zeitraum von mittlerweile fast 30 Jahren dokumentiert. Der Langzeitvergleich zeigt, welche Ängste seit 1992 Jahr für Jahr im Fokus standen und gibt Aufschluss über die Intensität der unterschiedlichen Sorgen.

Die sieben größten Ängste 1992 bis 2021

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Mit einem Klick: Übersicht über die Top-Sorgen der R+V-Studie in den einzelnen Jahren – seit Beginn der Befragung im Jahr 1992. Einfach im blauen Balken auf den Pfeil drücken und gewünschtes Jahr auswählen.

Der Angstindex: der Durchschnitt aller Ängste

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Der Angstindex – der Durchschnitt aller abgefragten Sorgen – gibt Aufschluss über die Stimmungslage in Deutschland. Einige Erläuterungen zu den bisherigen Spitzenwerten der R+V-Studie:

  • 2003 beunruhigten immer mehr Insolvenzen, ein Reformstau in den Sozialsystemen und mehr als vier Millionen Arbeitslose die Deutschen sehr. Da infolge des Anschlags in New York auch die Terrorangst in die Höhe schoss, stieg der Angstindex in diesem Jahr enorm an – und legte sich erst wieder nach den ersten Anzeichen eines Wirtschaftsaufschwungs im Jahr 2006.
  • 2010 verzeichnete die Studie einen erneuten Höchstwert. Auslöser für die wachsende Angst waren alarmierende Nachrichten über die Finanzmarkt- und Währungskrisen sowie Rettungsschirme für überschuldete EU-Staaten.
  • 2016 erschütterten harte Auseinandersetzungen über die Flüchtlingskrise und die Einwanderungspolitik das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen stark.
  • 2021 ist von den Folgen der Corona-Politik bestimmt: Die Deutschen fürchten Steuererhöhungen und Leistungskürzungen. Die Umweltängste werden erst nach der Hochwasserkatastrophe im Juli zum Top-Thema.

Die Top-Ängste 2006 bis 2021

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Die Zyklen der größten Ängste: Anfang des Jahrtausends bedrückten die Deutschen vor allem wirtschaftliche Sorgen – die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten erreichte Spitzenwerte. Als 2011 die Rettungsschirme für überschuldete EU-Staaten in aller Munde waren, rückte die Angst in den Vordergrund, dass die EU-Schuldenkrise teuer für den deutschen Steuerzahler wird. Unter dem Eindruck der Attentate der IS-Terrormiliz verstärkte sich die Terrorangst enorm. Sie stand zwei Jahre auf Platz eins der Ängste-Skala. 2021 treten als Folge der Corona-Politik wieder wirtschaftliche Ängste in den Vordergrund. Allerdings erreicht die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten heute deutlich geringere Werte als in früheren Jahren.

Steigende Preise beunruhigen viele Deutsche

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In der Corona-Krise befürchten viele Deutsche, dass alles immer teurer wird. Wie schon im Vorjahr blickt die Hälfte der Befragten mit Sorge auf die Entwicklung der Lebenshaltungskosten. Ein Thema, das immer wieder bewegt: Insgesamt elfmal hat diese Angst den ersten Platz belegt. Auch wenn die Deutschen weiter sehr auf Preisstabilität bedacht sind – im Vergleich zum Rekordjahr 2008 ist die Angst heute moderat. Damals erregten hohe Energiekosten und Lebensmittelpreise die Gemüter wie nie zuvor, entsprechend trieb diese Sorge drei Viertel der Deutschen um.

Auf und Ab bei wirtschaftlichen Ängsten

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Im zweiten Jahr der Corona-Krise nimmt die Wirtschaft wieder Fahrt auf. Entsprechend hat sich die Angst vor einer Rezession etwas gelegt. Während zu Beginn der Pandemie noch fast jeder zweite Befragte besorgt auf die wirtschaftliche Entwicklung blickte, sind es jetzt nur noch 40 Prozent. Rekordwerte erreichte diese Angst in den Jahren 2009/2010 zu Zeiten der Eurokrise und 2004/2005, als es zu einem massiven Stellenabbau bei Großkonzernen kam. Damals fürchteten bis zu 70 Prozent der Befragten eine Talfahrt der Wirtschaft.

Euro-Schuldenkrise bedrückt die Deutschen

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Die hohen Schulden einiger EU-Staaten beschäftigen die Deutschen stark – auch in der Corona-Krise. 2021 befürchtet jeder zweite Befragte, dass die Euro-Schuldenkrise den deutschen Steuerzahler teuer zu stehen kommt.

Die Deutschen und ihre Politiker

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Traditionell trauen die Deutschen den Politikern wenig zu. Im vergangenen Jahr erreichten diese Bedenken mit 40 Prozent den niedrigsten Wert seit zwei Jahrzehnten. 2021 verharren diese Sorgen auf dem Niveau des Vorjahrs – nur 41 Prozent der Befragten zweifeln daran, dass die Politiker ihren Aufgaben gewachsen sind.

Angst vor politischem Extremismus

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Seit 2001 fragt das R+V-Infocenter nach der Angst vor Extremismus. In diesem Jahr bleibt die Sorge unter die 40-Prozent-Marke: 38 Prozent der Befragten befürchten, dass sich der politische Extremismus ausbreitet. Doch welches politische Spektrum haben die Deutschen dabei im Hinterkopf? Auf Nachfrage des R+V-Infocenters zeigt sich eine bemerkenswerte Reihung: Mit 42 Prozent haben die meisten Befragten Angst vor Rechtsextremismus. Islamistischer Extremismus ängstigt 37 Prozent, vor Linksextremisten fürchten sich lediglich elf Prozent der Befragten.

Terrorangst seit Anschlag in New York

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Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001 blieb die Terrorangst lange auf hohem Niveau. Ihren bisherigen Höchststand erreichte sie nach den Attentaten der Terror-Miliz IS in Europa. Seit einigen Jahren nehmen Gewaltaktionen ab, dementsprechend sinkt auch die Furcht vor terroristischen Anschlägen. 2021 liegt diese Angst mit 32 Prozent weit hinten auf Platz 16.

Angst vor Konflikten durch Zuwanderung

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Die Sorge vor einer Überforderung des Staates durch die große Zahl der Geflüchteten hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert. In Unterschied dazu sinkt die Angst vor möglichen Spannungen durch den weiteren Zuzug von Ausländern auf 42 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Stand seit 2015.

Angst vor Arbeitslosigkeit in Deutschland

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2020 rüttelten in der Corona-Krise die Anzeichen einer bevorstehenden Insolvenzwelle viele Deutsche auf – die Angst vor höheren Arbeitslosenzahlen sprang auf 40 Prozent. 2021 entspannt sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Das spiegelt sich auch in den Sorgen der Deutschen wider: Die Angst vor höherer Arbeitslosigkeit sinkt im Vergleich zum Vorjahr deutlich um neun Prozentpunkte – stärker als alle anderen Ängste.

Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs

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Wenn Unternehmen massiv Stellen abbauen, fürchten viele Bürger um ihren Job. In der Corona-Krise spielt diese Angst jedoch eine untergeordnete Rolle: Nur knapp jeder vierte Befragte befürchtet, selbst arbeitslos zu werden. Trotz Wirtschaftskrise und Lockdown-Schließungen ist diese Angst 2021 so gering wie nie zuvor.

Umweltängste bleiben moderat – bis zur Flutkatastrophe

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In der regulären Umfrage bleiben die Umweltängste 2021 moderat. Eine Zusatzumfrage nach der Flutkatastrophe im Juli zeigt: Das Hochwasser treibt diese Ängste in Rekordhöhen. Demnach befürchten 61 Prozent der Befragten, dass der Klimawandel dramatische Folgen für die Menschheit hat. 69 Prozent sind besorgt, dass Naturkatastrophen zunehmen und Deutschland immer häufiger von Wetterextremen wie Dürre, Hitzeperioden oder Starkregen betroffen sein wird – damit liegen die Ängste bei der zusätzlichen Online-Umfrage um mehr als 20 Prozentpunkte über den Wert vor der Flut.

Furcht vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln

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Dioxin in Eiern, Mikroplastik in Fischen und Meeresfrüchten, Pestizide im Gemüse: Viele Verbraucher fragen sich, was sie überhaupt noch gefahrlos essen können. Dementsprechend groß ist auch die Angst: 2021 befürchten 43 Prozent der Deutschen, dass Nahrungsmittel immer stärker mit Schadstoffen belastet sind – Platz fünf und damit weit oben im Ranking. Ihren bisherigen Höchststand erreichte diese Angst 2011 nach der EHEC-Epidemie. Damals sorgte ein aggressiver Darmkeim in Sprossen für tausende Krankheitsfälle und sogar Todesfälle.

Angst vor schwerer Erkrankung

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Trotz des allgegenwärtigen Corona-Virus fürchtet sich 2021 nur etwa jeder Dritte Deutsche vor einer schweren Erkrankung. 2020 – zu Beginn der Pandemie – sank diese Angst überraschenderweise auf den tiefsten Stand seit Beginn der Befragung. Im Jahr 2005, nach der Gesundheitsreform, bereitete dieses Thema doppelt so vielen Deutschen Sorgen.

Pflegefall ist vor allem ein Thema für Frauen

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Rund 4,1 Millionen Pflegebedürftige gibt es derzeit in Deutschland. Entsprechend groß ist auch die Angst davor, im Alter auf fremde Hilfe und Pflege angewiesen zu sein – sie beunruhigt 41 Prozent der Befragten. Bei Frauen, die in den meisten Fällen auch die Pflegenden in den Familien sind, ist diese Angst generell größer als bei Männern.

Angst vor Straftaten: Tendenz sinkend

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Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung oder Betrug: Bei mehr als fünf Millionen Straftaten pro Jahr ist die Wahrscheinlichkeit hoch, in den eigenen vier Wänden bestohlen zu werden oder Betrügern in die Hände zu fallen. Das spiegelt sich jedoch nicht in den Ängsten der Deutschen wider. Noch nicht einmal jeder fünfte Bundesbürger fürchtet sich davor, Opfer einer Straftat zu werden. Mit 19 Prozent rangiert die Sorge weit hinten in der Ängste-Skala.

Durchschnittliche Angst von Frauen und Männern

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Der Langzeitvergleich zeigt: Frauen sind grundsätzlich ängstlicher als Männer. Das bleibt auch im Jahr 2021 unverändert.

Durchschnittliche Angst in Ost und West

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Der Angstindex zeigt: Im Osten machen sich die Menschen generell mehr Sorgen als im Westen. Allerdings werden die Unterschiede seit etwa zehn Jahren geringer. 2021 gibt es einen Unterschied von fünf Prozentpunkten.