1. Gesund leben

Naturheilmittel: Gegen (fast) alles ist ein Kraut gewachsen

Bei Magenleiden, Migräne, Grippe oder Zahnschmerzen vertrauen viele Menschen auf Naturheilmittel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass etwa 80% der Weltbevölkerung zumindest von der Pflanzenheilkunde Gebrauch machen – zusätzlich zu schulmedizinischen Methoden oder als alleinige Therapie in Zusammenarbeit mit einem Arzt oder per Selbstmedikation.

Naturheilmittel gibt es in allen Kulturen. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) oder der indische Ayurveda greift auf Pflanzen zur Heilung unterschiedlichster Leiden zurück. Wie kommt es, dass sich weltweit immer mehr Patienten an Erkenntnissen orientieren, die teilweise Jahrhunderte zurückliegen?

Alternative Heilmittel

Viele Schulmediziner wenden schnell chemisch-synthetische Arzneimittel an. Patienten machen die Erfahrung, dass Symptome bekämpft werden, aber oft nicht die Ursache eines Leidens. Hinzu kommen mitunter aggressive Nebenwirkungen und Folgeschäden, etwa wenn bei einem Schnupfen direkt ein Antibiotikum verschrieben wird. Aus dieser Enttäuschung oder Ernüchterung heraus beschäftigen sich zahlreiche Menschen mit Naturheilmitteln.

Schon gewusst?

Etwas über die Hälfte der Deutschen hat bereits Erfahrungen mit pflanzlichen Arzneien gesammelt - und Naturheilverfahren liegen weiterhin im Trend:

  • Inzwischen übernehmen laut Deutschem Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) etwa 70% der Krankenkassen Kosten für alternative Heilmethoden.

Versicherte können darüber hinaus einen zusätzlichen Tarif abschließen, um sich Zuschüsse zu alternativen Heilmethoden zu sichern.

Naturheilmittel aus dem Klostergarten

Hildegard von Bingen gilt als die erste deutsche Naturärztin. Das Wissen aus dem 12. Jahrhundert liefert bis heute konkrete Hilfestellung zur Linderung von Beschwerden. Doch weshalb haben die Erkenntnisse einer Äbtissin aus dem Mittelalter immer noch Gültigkeit? Renommierte Ärzte und Apotheker setzen sich heute mit Hildegard von Bingens Heilvorschlägen auseinander. Ihr Grundprinzip besteht in der ganzheitlichen Anschauung. Der Mensch ist nicht die Summe seiner Organe, sondern ein komplexes Gebilde, das mit seiner Umwelt in Wechselbeziehungen steht.

Auch Paracelsus, der legendäre Arzt aus dem 16. Jahrhundert, legte seiner Medizin eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen zugrunde. Wissen über die Natur war elementar für ihn. Er ging den Ursachen einer Erkrankung auf den Grund und versuchte, den Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Natürlich, aber nicht harmlos

Die moderne Naturheilkunde betrachtet Erkrankungen ebenfalls nicht isoliert von der Person, sondern stellt den Kranken als Ganzes in den Fokus. Ziel ist nicht, schnellstmöglich und kurzfristig Symptome zu bekämpfen, sondern nach der Ursache zu forschen.

Doch nur, weil ein Naturheilmittel pflanzlichen Ursprungs ist, bedeutet das nicht, dass es keine Nebenwirkungen haben kann oder in Kombination mit anderen Medikamenten nicht auch Wechselwirkungen hervorruft. Zahlreiche Naturheilmittel beeinflussen etwa die Blutgerinnung. Wer vor einer Operation steht, sollte deshalb mindestens 36 Stunden vorher keine Wirkstoffe des Ginkgo biloba einnehmen.

Und: Was natürlich ist, ist nicht immer gut und unschädlich. Auf die richtige Anwendung und Dosierung kommt es an - "Die Menge macht das Gift", wusste schon Paracelsus. Das Spektrum der modernen pflanzlichen Heilmittel ist groß. Deshalb empfiehlt es sich, naturheilkundliche Therapien immer mit einem Arzt zu besprechen. Anthroposophisch oder homöopathisch ausgerichtete Ärzte identifizieren die passenden Medikamente und begleiten die Behandlung.

Pflanzliche Arznei

Wie chemisch-synthetische Medikamente müssen auch Naturheilmittel behördlich zugelassen werden, bevor sie in Umlauf gebracht werden dürfen. Dabei sind Unbedenklichkeit, Wirksamkeit und Qualität nachzuweisen. Qualitative Kontrollen schützen in erster Linie die Patienten. Doch bei einigen Mitteln ist der Nachweis der Wirksamkeit nicht leicht zu erbringen. Deshalb gibt es bei natürlichen Medikamenten, die bereits seit mindestens 30 Jahren angewendet werden, die Möglichkeit, sie als traditionelles Arzneimittel registrieren zu lassen. Sie müssen dann ihre Wirkung nicht in klinischen Studien beweisen - traditionelle Erfahrungen genügen in diesem Fall.

In der sogenannten Phytotherapie werden Heilpflanzen als Tees aufgegossen und anschließend als Fertigpräparate oder Tinkturenmischungen, also alkoholische Auszüge, verwendet. Die Homöopathie dagegen setzt auf Extrakte aus Heilpflanzen, die in sehr geringer Menge verabreicht werden. Die anthroposophische Medizin nutzt neben mineralischen und tierischen auch pflanzliche Heilmittel.

Von der Pflanze zum Medikament

Bereits in der Antike kannten die Griechen die Wirkung des Rindensafts der Weide gegen Fieber und Schmerzen. Die Weidenrinde wurde gekocht und zu Heilzwecken genutzt. Dieser Saft enthielt Stoffe, die der synthetisch gewonnenen Acetylsalicylsäure verwandt sind - dem Wirkstoff ASS, der sich beispielsweise in Aspirin® findet. Der Name Aspirin® leitet sich übrigens vom Namen eines Rosengewächses ab, dem Echten Mädesüß (Filipendula ulmaria). Das Gewächs wurde früher auch "Spire" genannt und enthält ebenfalls Salicylsäure. Pflanzliche Wirkstoffe sind oft Vorbilder für chemisch erzeugte Medikamente.

Die Phytopharmazie dagegen nutzt pflanzliche Extrakte und verbindet sie mit sogenannten pharmazeutischen Hilfsstoffen wie Binde- oder Süßungsmittel. Hilfsstoffe beeinflussen etwa, ob die Wirkung eines Medikaments schnell oder verlangsamt eintritt, und können über Form oder Geschmack des Medikaments entscheiden: Der an sich bitter schmeckende Baldrian beispielsweise ist häufig Bestandteil von Dragees und Tabletten mit süßlichem Überzug.

Hausmittel

Jeder kennt sie von früher, die Hausmittel, zu denen Oma oder Mutter griffen. Ob Husten, Durchfall oder Fieber - sie wussten, welcher Tee hilft und welches Kraut gegen welche Beschwerden gewachsen ist. Für diese Selbsthilfe mit einem Naturheilmittel ist keine medizinische Ausbildung erforderlich. Sie ist ein Teilbereich der Naturheilkunde und spielt in der Küche und im Haushalt allgemein eine große Rolle.

Petersilie, Ringelblume und Oregano finden sich in den meisten Kräutergärtchen. Früher wurden sie vor allem in Klostergärten angebaut und als Naturheilmittel für die Heilkunde verwendet. Hobbygärtner wissen häufig nicht um die heilenden Fähigkeiten dieser und anderer Kräuter und schätzen sie lediglich als Gewürze oder wegen ihrer Blüten. Doch vieles im Garten enthält wichtige Bitterstoffe, ätherische Öle oder Vitamine.

Unser Tipp: Heilkräuter anpflanzen oder selbst sammeln

Sind Sie beim Lesen neugierig auf die grünen Helfer geworden? Sicher, eine Möglichkeit ist der Einkauf in der Apotheke oder im Fachhandel. Eine kostengünstige Alternative, die auch noch Spaß macht, ist das Sammeln in der Natur - oder Sie pflanzen die Kräuter selbst:

  • Heilpflanzen im eigenen Garten oder auf dem Balkon haben den Vorteil, dass man sie nicht erst suchen muss. Das ist bequemer und die Pflanzen sind frisch verfügbar, wenn Sie sie brauchen. Außerdem wissen Sie, mit welchen Stoffen die selbst gezogenen Kräuter in Berührung gekommen sind. Denn bei Pflanzen, die etwa neben einem Feld stehen, ist nicht auszuschließen, dass sie chemischem Dünger ausgesetzt waren.
  • Wer Kräuter in der Natur sammeln möchte, sollte sich zunächst mit ihnen vertraut machen. Sie sollten genau wissen, was Sie sammeln, um bei Verwechslungen keine unangenehmen Überraschungen zu erleben.
  • Auch der Standort der Pflanze spielt eine Rolle. Kräuter, die weniger als 100 Meter von einer Straße entfernt wachsen, sollten gemieden werden. Informieren Sie sich vorher darüber, ob die Pflanzen, die Sie sammeln möchten, eventuell unter Naturschutz stehen und gar nicht gepflückt werden dürfen.
  • Die optimale Zeit für das Sammeln der Pflanze können Sie speziellen Sammelkalendern entnehmen. Je nach Pflanzenteil, ob Blüte, Samen, oder Wurzeln, variiert der richtige Zeitpunkt. So sollten Sie etwa nicht zu früh am Tag losziehen, wenn die Sonne den Morgentau noch nicht getrocknet hat. Die meisten Kräuter werden vor der Blütezeit gesammelt. Eingefroren bleiben sie lange haltbar und bewahren ihr Aroma. Aber auch getrocknet können sie als Naturheilmittel verwendet werden.

Autor/in

D. Konrad

Apr. 2015

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