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Weihnachten - Fest der Liebe, Fest des Streits

Zu keiner anderen Jahreszeit gibt es so viele Auseinandersetzungen innerhalb der Familie, wie an Weihnachten. Schuld daran sind vor allem die hohen Erwartungen an das Fest der Liebe, sagt Christa Brauns-Hermann, ehemalige Psychotherapeutin und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Beratung bei Familienkrisen, Trennung und Scheidung. Im Gespräch mit R+V benennt sie Streitursachen und gibt Tipps, wie der Streit an Weihnachten zu vermeiden oder wenigstens zu beherrschen ist.

Frage 1:

Frau Brauns, jedes Jahr in der Weihnachtszeit kommt es in vielen Familien zu Auseinandersetzungen, die Zahl der Anrufe beim Kindernotruf steigt, Anwälte berichten von einem Hoch bei Scheidungsklagen nach den Feiertagen. Ist Weihnachten eher das Fest des Streits als der Liebe?

Es ist sicher beides. Viele Familien rücken in der Weihnachtszeit näher zusammen und fühlen sich dabei wohl. Allerdings gibt es - und die Zahl dieser Fälle steigt - eben auch sehr viele Familien, in denen diese Nähe dazu führt, dass Konflikte offen zutage treten. Da reichen manchmal Kleinigkeiten aus, um die Lunte an ein Pulverfass zu legen.

Frage 2:

Kleinigkeiten? Was meinen Sie damit genau?

Ganz oft entzündet sich ein weihnachtlicher Streit zum Beispiel an vermeintlich falschen Geschenken. Kinder wünschen sich immer häufiger Bargeld, damit sie sich ihre Wünsche selbst erfüllen können. Eltern hingegen möchten in der Regel ein anderes Geschenk machen. Zum Beispiel ein mit viel Liebe ausgesuchtes Spiel oder eine besondere Puppe. Nehmen wir an, das Kind möchte sich ein Handy kaufen, bekommt aber ein anderes Geschenk. Dann ist das Kind enttäuscht und lässt das die Eltern spüren. Und die Eltern sind traurig, dass ihr Kind den Wert des Geschenks nicht anerkennt. Frust also auf beiden Seiten, der leicht in einen Streit eskalieren kann.

Frage 3:

Aber solche Enttäuschungen sollten doch für beide Seiten zu verkraften sein?

Das gilt sicher, wenn sonst in der Familie alles stimmig ist. Aber das ist ja leider nicht immer der Fall. Vielmehr gibt es eine stetig wachsende Zahl von, nennen wir es belasteten Familienverbänden.

Frage 5:

Wenig Geld oder streitende Scheidungseltern – solche Konflikte gibt es doch zu jeder Jahreszeit. Aber warum eskalieren diese Streitigkeiten in der Weihnachtszeit?

Das hängt wohl damit zusammen, dass die meisten Menschen sehr überhöhte Erwartungen an das Weihnachtsfest haben. Da soll dann unbedingt alles ganz harmonisch sein. Und mit dieser Forderung ist das Scheitern fast schon vorgegeben. Außerdem hocken viele Familien in der Weihnachtszeit förmlich aufeinander. Diese Nähe produziert Stress - und der ist ein Keim für Konflikte. Drittens sind die meisten Menschen Weihnachten näher an ihren Gefühlen als im Alltag. Denn zwangsläufig denken wir in diesen Tagen an unsere eigene Kindheit zurück. Das sind oft ganz idealisierte Blicke auf die "gute alte Zeit". Und im Vergleich mit solchen von der Zeit entstellten Erinnerungen wird die Gegenwart leicht zum Anlass für Unzufriedenheit oder sogar Ärger.

Frage 6:

Was raten Sie Familien, die Streit an Weihnachten vermeiden wollen?

Runter mit den Erwartungen! Was sonst im Jahr in der Familie nicht klappt, misslingt auch an Weihnachten. Und: Gelassenheit! Auseinandersetzungen, Enttäuschungen - so etwas gehört zum Leben dazu und ist kein Grund für Vorwürfe oder Verallgemeinerungen wie "Jetzt hast du uns das ganze Fest ruiniert". Runter mit den Erwartungen heißt aber auch, nicht nur an Geschenke oder die eigene Familie zu denken, sondern sich Gedanken über das Weihnachtsfest zu machen. Ich ermutige Ratsuchende, an Weihnachten doch auch mal wieder an Menschen zu denken, die es nicht so gut haben wie man selbst. Aus diesem Blickwinkel wird einem sehr schnell deutlich, dass es einem selbst meist doch recht gut geht und es eigentlich kaum Grund für Enttäuschung oder Unzufriedenheit gibt.

Frage 7:

Dazu gehört aber schon eine gesunde Portion Selbstkritik. Gibt es auch noch einfachere Strategien, Streit zu vermeiden?

Klar: Streithähne trennen! Auch wenn sich gemeinsame Kinder noch so sehr wünschen, dass Mami und Papi sich wieder vertragen: Die Weihnachtszeit ist für Verständigungsversuche kaum geeignet. Da kommt es in der Regel nicht zu Annäherungen, sondern zu schmerzhaften neuen Streitigkeiten und Verletzungen. Also getrennt feiern! Kinder können einen Tag bei der Mutter und einen anderen beim Vater verbringen. Ähnlich gilt es für Großeltern. Denn auch die sind oft Partei im Trennungs- oder Familienstreit.

Frage 8:

Was können Eltern denn noch tun, um den Kindern ein schönes Weihnachten zu bereiten und somit Stress und damit Streitpotential zu verringern?

Sie sollten die Kinder in die Planung des Festes einbeziehen. Das ist ein Beitrag, um Routine und möglicherweise sogar Langeweile aus den Feststagen zu nehmen. Aber bitte: Es geht nicht darum, neue kostspielige Wünsche von Kindern zu erfüllen oder ganz besondere Highlights zu bieten. Weniger ist mehr: ein gemeinsamer Spaziergang, eine Schlittenfahrt, ein Buch vorlesen oder was sonst auch immer Kinder sich wünschen, ist in der Regel leicht und ohne finanziellen Aufwand in den Festablauf einzubauen. Ein Junge, der seinen Vater bei der Auswahl des Weihnachtsbaumes beraten darf, wird vor Stolz fast platzen und sich am Fest beteiligt fühlen.

Frage 9:

Also den Kindern mehr Platz geben. Und was können Eltern tun, um sich selbst zu entlasten?

Auch wenn ich mich wiederhole: Die Erwartungen herunterschrauben. Ganz konkret empfehle ich Müttern zum Beispiel, an Weihnachten ganz einfach zu kochen. Das entlastet nicht nur die Mutter (oder einen anderen, der kocht) enorm. Wenn Sie etwa ein Fondue oder Raclette machen, muss niemand stundenlang allein in der Küche stehen. Es gibt keine unzufriedenen Gesichter, weil dem ein oder anderen das "ach-so-besondere" Festtagsessen nicht schmeckt. Beim Schnibbeln für ein Raclette können die Kinder prima in der Küche helfen, sie werden abgelenkt vom Gedanken an die Bescherung oder von der Langeweile beim Warten auf den Familienbesuch. Ein gemeinsam zubereitetes Essen macht Spaß und fördert den Zusammenhalt, weil jeder nach seinen Kräften dazu beitragen kann. Und um Freude und Zusammenhalt in der Familie sollte es an Weihnachten doch auch gehen, meine ich.

Frage 10:

Und was ist der angemessene Weg, wenn es doch einmal zu einem Streit gekommen ist?

Erst einmal den Ärger kurz verrauchen lassen, sich gegebenenfalls entschuldigen und sich dann auf Gemeinsames besinnen. Insgesamt rate ich, etwas mehr Humor zu zeigen, gelassen zu bleiben und Toleranz zu zeigen.

Autor/in

I. Kaiser

Dez. 2016

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