1. Eltern + Kind

Hilfe, ich versteh meine Kinder nicht!

Die Sprache der Jugendlichen wird immer schneller und kurzlebiger, eigene Wortschöpfungen und Grammatik ändern sich permanent. Wir haben mit dem Experten und Sprachforscher Detlev Mahnert über Hintergründe und Tipps zum Thema Jugendsprache gesprochen. Lesen Sie in unserem Artikel was Jugendsprache eigentlich ist und wie Eltern damit umgehen sollten, wenn die Kommunikation mit den eigenen Kindern schwierig wird.

Woher kommt das Phänomen Jugendsprache und was ist sein Zweck?

Sprachgeschichtlich ist die Jugendsprache ein relativ junges Phänomen. Bis zum 17. Jahrhundert gab es "Kindheit" und "Jugend" nicht als gesellschaftlich anerkannte eigene Lebensphase. Kinder wurden wie kleine Erwachsene behandelt, ihre Sprache, Kleidung und auch Rechte unterschieden sich nicht von denen der Erwachsenen (aus dem Buch "Das Verschwinden der Kindheit" des amerikanischen Medienwissenschaftlers Neil Postman).

Detlev Mahnert ergänzt: "Im Mittelalter war ein Mensch nach Vollendung seines 7. Lebensjahres bereit für den Eintritt ins Arbeitsleben. Erst als Jugendliche als eigene Gruppe in der Gesellschaft definiert wurden, begannen sie eine eigene Gruppenidentität zu entwickeln." Wie viele Gruppen – etwa Berufsgruppen – entwickelten sie einen eigenen Jargon, mit dem sie einerseits ihre Gruppenidentität bestätigten und zum anderen sich von der Welt der Erwachsenen abgrenzten.

Der Experte weiter: "Jugendsprachen sind Ausdruck einer bewussten Abwendung von der Welt der Erwachsenen." Sie stiften Identität und können auch eine Art Geheimsprache sein, Ausdruck des Versuchs, die eigene Welt verschlossen zu halten. "Jugendliche brauchen zur Identitätsfindung die Auseinandersetzung mit den Alten, und die eigene Sprache ist ein relativ ungefährliches Feld für diese Auseinandersetzung."

Hören Sie zudem unseren Podcast und testen Sie, ob Sie die Jugendlichen verstanden hätten:

Wodurch zeichnet sich Jugendsprache aus?

Jugendsprachen sind vor allem eins: kurzlebig. Detlev Mahnert beobachtet, dass diese Kurzlebigkeit in letzter Zeit zugenommen hat. "Die Verfallsgeschwindigkeit ist atemberaubend, die Halbwertszeit beträgt oftmals gerade mal ein halbes Jahr!"

Neu in den vergangenen Jahrzehnten sind laut dem Experten syntaktische Veränderungen durch den Kontakt mit dem "Deutsch" von Migranten, vor allem Türken: "Das so genannte "Kanakisch" weist nicht nur ein von der Hochsprache abweichendes Vokabular, sondern auch syntaktische Veränderungen auf, angelehnt an sprachliche Eigenheiten türkisch-stämmiger Migranten.

Das Türkische kennt keine Artikel und Präpositionen, dementsprechend entstehen Dialoge wie: "Kommße mit Stadion? – Nee, Alter, isch fahr morgen Türkei."

Sprachforscher Mahnert hat ein weiteres Beispiel parat: "O-Ton aus Duisburg von einem Mädchen aus einer Jugendclique, das ein anderes Cliquenmitglied zum Gruppentreffen im Park am Venusberg einlädt: "Kommße 2 Uhr Venus?"

Bringen Bücher zum Thema Jugendsprache etwas?

Die zunehmende Beachtung des Phänomens Jugendsprache vor allem im Fernsehen hat dazu geführt, dass immer mehr Bücher zu diesem Thema auf den Markt kommen. Detlev Mahnerts Meinung: "Bücher zu dem Thema können durchaus interessant sein; man sollte sich nur nicht zu viel von ihnen versprechen, denn zumindest was das Vokabular betrifft, sind sie höchstwahrscheinlich bei ihrem Erscheinen schon veraltet."

Wie sollten Eltern mit Jugendsprache umgehen?

Der Experte rät: "Eltern sollten dieses Phänomen mit Humor und Gelassenheit begleiten. Es spricht nichts dagegen, sich gelegentlich den einen oder anderen Ausdruck erläutern zu lassen, wenn deutlich wird, dass dies aus echtem Interesse und nicht aus einem Kontrollbedürfnis geschieht."

Denn: Jugendliche reagieren sehr sensibel auf Versuche, in ihre abgeschottete Welt einzudringen. "Eltern müssen leider draußen bleiben – das schmerzt manchmal, aber so wie vernünftige Eltern anklopfen, ehe sie das Zimmer ihrer Sprösslinge betreten, sollten sie auch anklopfen, wenn sie in den Bereich Sprache eintreten wollen."

Die Gefahr, dass bei ernsten Problemen eine Kommunikation nicht mehr möglich ist, hält Detlev Mahnert für sehr gering: "Die Jugendlichen sind im Allgemeinen innerhalb ihrer Muttersprache zweisprachig und können sowohl einem Lehrer als auch einem strengen Elternteil gegenüber, das sich jede "Gossensprache" verbittet, in der Hochsprache äußern." Dies gelte zumindest für "durchschnittliche Mittelklasse-Jugendliche". Die sprachliche Flexibilität unter jugendlichen Migranten oder bildungsfernen Jugendlichen sei erheblich geringer.

Jugendsprache nicht nachmachen

Wichtiger Tipp: "Erwachsene sollten sich nicht lächerlich machen, indem sie die Sprache der Jugendlichen nachahmen!" Das Reiben an der Welt der Erwachsenen, das Sich-Abgrenzen, seien wesentliche Elemente der Pubertät. "Es schadet nichts, wenn Eltern passiv mit der gerade aktuellen Jugendsprache umgehen, das heißt, sie verstehen können", so der Sprachforscher. Selbst verwenden sollten sie sie aber auf keinen Fall.

Abschließend rät Detlev Mahnert: "Keine Panik – Gelassenheit und Geduld sind angesagt." Und zitiert Goethes Faust 2: "Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es gibt zuletzt doch noch e‘ Wein." Der große Goethe hatte, so Mahnert, "eine unbändige Lust an sprachlichen Ferkeleien – und trotzdem ist ja etwas Ordentliches aus ihm geworden ..."

Autor/in

D. Konrad

Mär. 2012

Themenwelten

Weitere Ratgeber Plus Artikel