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Streitfall E10


Nach wie vor ist die Verunsicherung der deutschen Autofahrer über die Verträglichkeit des Biokraftstoffs E10 für ihre Fahrzeuge groß. Aber auch die Umweltverträglichkeit ist umstritten. Wir haben für Sie die Fakten zusammengetragen.
Im Februar ist der Biokraftstoff E10 an vielen deutschen Trankstellen eingeführt worden. Doch die durch mangelnde Informationen über die neue Spritsorte verunsicherten Autofahrer zogen nicht so richtig mit Sie tankten stattdessen weiterhin das gewohnte Super. Zuletzt senkten die Tankstellen gar die Preise von E10, um dessen Absatz zu fördern. Doch eines ist klar: Wenn nicht einmal staatliche Stellen wie Polizeibehörden dem neuen Kraftstoff E10 trauen, muss bei der Einführung des Biosprits so einiges schiefgelaufen sein. Polizeiautos in Schleswig-Holstein und auch in Nordrhein-Westfalen, so wurden die Beamten Anfang März angewiesen, durften nicht mit E10 betankt werden. "Bevor wir unseren Fuhrpark komplett lahmlegen oder größere Reparaturen provozieren, gehen wir auf Nummer sicher", sagte Landespolizeiamts-Sprecherin Jessica Wessel damals den "Lübecker Nachrichten". Dies ist verständlich, betrachtet man die veröffentlichten Zahlen des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie (VDA): Danach sind rund 359.000 benzinbetriebene Pkw deutscher Autohersteller ungeeignet für den Kraftstoff E10, der immerhin doppelt so viel Ethanol enthält wie das bisherige Superbenzin.

Großer Benzingipfel soll aufklären helfen

Anfang März rief die Bundesregierung daraufhin die beteiligten Akteure - Mineralölkonzerne, Autohersteller, Autoclubs etc. - daher zum "Benzingipfel". Beschlossen wurde: An E10 wird festgehalten, Autoindustrie und Mineralölkonzerne wurden aber dazu verpflichtet, die Verbraucher besser, umfassender und rechtsverbindlich über die Verträglichkeit von E10 für die verschiedenen Benzinmotoren zu informieren - eigentlich etwas, wozu die Industrien bereits zuvor verpflichtet waren. Seitens des Verbands der Automobilindustrie (VDA) heißt es, dass 99 Prozent aller Autos deutschen Fabrikats E10 vertragen sowie 93 Prozent der Importfahrzeuge. An der generellen E10-Blockade hat dies jedoch nicht viel geändert. Shell bietet nun eine kostenlose E10-Versicherung gegen mögliche Motorschäden an. Und der Ölmulti Total fuhr zuletzt die E10-Produktion gar zurück, weil die Autofahrer den Sprit ablehnen.

Umweltnutzen von E10 umstritten

Einer Umfrage des ADAC von Ende März zufolge tanken nach wie vor nur rund 15 Prozent der Benziner-Fahrer E10 - und dies, obwohl der Biosprit nach Auffassung von Europäischer Union und Bundesregierung die umweltschonendere Lösung ist. Gerade dies wird jedoch in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft in Frage gestellt, obwohl kaum ein Autofahrer am Sinn eines weiteren Ziels der E10-Einführung - der geringer werdenden Abhängigkeit vom Erdöl - zweifeln dürfte. So geben 39 Prozent der E10-Verweigerer als Hauptgrund dafür an, nicht vom Nutzen für die Umwelt überzeugt zu sein. Dies sind fast doppelt so viele wie jene, die E10 nicht tanken, weil sie Schäden an ihren Fahrzeugen befürchten.

Auch anerkannte Wissenschaftler wie Professor Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), zweifelt an der überlegenen CO2-Bilanz von E10. Er ist überzeugt: "Wer E10 tankt, hilft nicht der Umwelt und nicht dem Klima." Seine Hauptargumente: Fürs Ethanol müssen Getreide und Zuckerrüben angebaut werden. Zunehmend würden dazu auch neue Flächen bewirtschaftet. Spätestens wenn durch Getreidespritanbau Nahrungspflanzen auf andere Flächen verdrängt würden, wird laut Weiger die CO2-Bilanz von E10 negativ. Andere angesehene Wissenschaftler, wie etwa Professorin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), vertreten eine gegensätzliche Position.

E10 führt zu höherem Spritverbrauch

Außer Zweifel steht aber, dass der höhere E10-Gehalt auch zu höherem Kraftstoffverbrauch führt. Die TU Wien kam zu dem Schluss, dass der Verbrauch im Schnitt um 1,9 Prozent steigt, der ADAC maß einen Verbrauchsanstieg um immerhin 1,5 Prozent. In jedem Fall steigt damit auch der CO2-Ausstoß. Schäden an ihren Motoren müssen E10-Tanker nach jetzigem Informationsstand eigentlich nicht befürchten. Mittlerweile gibt es umfassende Listen von Fahrzeugen, die E10 nach Angaben der jeweiligen Hersteller vertragen. ( http://www.dat.de/e10liste/e10vertraeglichkeit.pdf ). Allerdings ist es den Autofahrern nicht zu verdenken, dass sie diesen Aussagen wenig vertrauen, wenn man die Informationspolitik der vergangenen Monate Revue passieren lässt. So schränkte etwa Saab nachträglich die Zahl der freigegebenen Pkw ein, VW Nutzfahrzeuge machte es umgekehrt und gab zunächst eine Liste heraus, wonach viele ältere Fahrzeuge kein E10 vertrügen, nur um wenig später zu verlautbaren, dass alle VWN-Benziner E10 tanken könnten.

Die bessere CO2-Bilanz von E10 ist wissenschaftlich umstritten, die Verunsicherung unter den Autofahrern ist ungebrochen, der eine Experte ist von E10 überzeugt, der zweite spricht sich dagegen aus - an der langfristigen Einführung des neuen Kraftstoffs wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach nichts ändern. Die Bundesregierung hat beschlossen, an E10 festzuhalten. Wer auch künftig E10 ablehnt, muss hoffen, dass sich die Autoclubs mit einer ihrer Forderungen durchsetzen. Stellvertretend für viele Autofahrer fordert Deutschlands größter Autoclub, dass die Bestandsschutzsorte Super E5 mit 95 Oktan, also das herkömmliche Super-Benzin, ohne zeitliche Begrenzung an allen Tankstellen zu fairen Preisen verfügbar sein müsse.

Eva Blumenfeld, April 2011

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