Vor dem Hintergrund des Demografischen Wandels verringert sich zunehmend das Angebot an Nachwuchskräften am Standort Deutschland. Gleichzeitig steigt der Anteil der Hochschüler kontinuierlich an. Für Ausbildungsberufe stehen daher immer weniger und auch geringer qualifizierte junge Leute zur Verfügung.
Auf die Personalabteilungen deutscher Unternehmen kommen harte Zeiten zu. Können sie heute noch aus einem Überangebot von Schulabgängern ihre Auszubildenden rekrutieren, so wird der demographische Wandel das Angebot für Nachwuchskräfte am Standort Deutschland dramatisch verringern. Laut Prognos Deutschland Report 2030 wird die Zahl der unter 20-Jährigen in Deutschland im Zeitraum von 2005 bis 2030 um 16,5 Prozent absacken. Gleichzeitig steigt der Anteil der Jugendlichen, die ein Hochschulstudium aufnehmen kontinuierlich an. Zahl und Qualität der Ausbildungsplatzbewerber werden daher in Zukunft drastisch sinken. Besonders betroffen ist der Osten Deutschlands. In Sachsen-Anhalt sank beispielsweise die Zahl der Jugendlichen, die sich um eine Lehrstelle beworben hatten, im Zeitraum von 2005 bis 2009 von 30.276 auf nur noch 14.538. Die größten Nachwuchssorgen aller Branchen haben mit Abstand die gastronomischen Betriebe. Hier klagten sogar im wirtschaftlichen Krisenjahr 2009 mehr als 40 Prozent der Unternehmen über Probleme bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen.
Nachhilfe für Azubis
Einer aktuellen Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge, müssen jetzt schon mehr als die Hälfte der Firmen ihre Auszubildenden mit Nachhilfeunterricht fit für die Arbeitswelt machen. In Zukunft wird sich der Trend zur Nachhilfe im Betrieb aufgrund der geringeren Auswahlmöglichkeiten für Nachwuchskräfte sogar noch verstärken. Beklagt werden nicht nur mangelnde schulische Qualifikationen wie Mathematik-Kenntnisse und sprachliches Ausdrucksvermögen, sondern auch unzureichende persönliche Kompetenzen. So zeigen sich fast 50 Prozent der Arbeitgeber unzufrieden über die Leistungsbereitschaft, die Belastbarkeit und die Disziplin der Bewerber.
Die Defizite in der schulischen und elterlichen Erziehung vieler Nachwuchskräfte müssen daher durch betriebliche Maßnahmen ausgeglichen werden. "Ein neuer Aspekt beim Thema Ausbildung ist das wachsende Nachhilfeangebot von Unternehmen für die Azubis - vor allem als Reaktion auf die mangelnde Ausbildungsreife vieler Schulabgänger", fasst Dr. Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der IHK in Leipzig, zusammen. "Es wird schon viel getan, aber dennoch ist Potenzial vorhanden." Verbesserungen könne man nur gemeinsam erreichen. Neben der Wirtschaft sieht Hoffman auch Schule und Elternhaus in der Pflicht: "Neue, aber durchaus nahe liegende Wege sollten alle gemeinsam gehen", sagt Hoffmann. Viele Unternehmen versuchen bereits vor Beginn der Ausbildung die Schüler an die Erfordernisse der Arbeitswelt heranzuführen. Sie bieten interessierten Jugendlichen an, über einen längeren Zeitraum wöchentliche Praxistage oder Praktika im Betrieb zu absolvieren. Hier lernen die zukünftigen Auszubildenden neben den beruflichen Qualifikationen auch wichtige "soft skills" wie Pünktlichkeit, Ausdauer und zwischenmenschliche Kompetenzen. Elf Prozent der Unternehmen arbeiten mit ehrenamtlichen Paten zusammen. Sie stehen den Jugendlichen beim schwierigen Übergang von der Schule ins Berufsleben zur Seite und fungieren während der Ausbildungszeit als Mentoren.
Programm zur Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ)
Noch mehr Unternehmen nutzen die ausbildungsbegleitenden Hilfen der Arbeitsagenturen und der IHK. Das im Oktober 2004 gestartete "Programm zur Einstiegsqualifizierung Jugendlicher" (EQJ) wird mittlerweile von fast 20 Prozent der Firmen genutzt. Lernschwächeren Schulabgängern wird hier der Übergang von Schule in die Ausbildung durch zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen erleichtert. Jugendliche erhalten die Möglichkeit, in einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten einen Betrieb oder einen Ausbildungsberuf kennenzulernen. Nach Angaben des DIHK erhalten zwei von drei Jugendlichen im Anschluss an dieses Programm einen Ausbildungsvertrag.
Vertrag über Einstiegsqualifizierung
Der Unternehmer schließt beim
EQJ einen Vertrag mit dem Jugendlichen über die Einstiegsqualifizierung. Er verpflichtet sich, dem Jugendlichen fachspezifische sowie soziale Kompetenzen zu vermitteln und am Ende der Qualifizierungsmaßnahme ein betriebliches Zeugnis auszustellen. Im Gegenzug verspricht der Jugendliche, den Anweisungen des Unternehmers zu folgen und die Ausbildungszeit möglichst zielbewusst zu nutzen. Die Arbeitsagentur erstattet die Vergütung der Einstiegsqualifizierung bis zu einer Höhe von 212 Euro monatlich zuzüglich eines Anteils am Gesamtsozialversicherungsbeitrag von monatlich 106 Euro unabhängig von der tatsächlichen gezahlten Förderung.
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