Die Zunahme der Altersarmut in Deutschland ist ein schleichender Prozess. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen auf ein deutlich steigendes Risiko in der Zukunft hin. Vor allem Arbeitnehmer im Osten Deutschlands sind von dieser Entwicklung betroffen.
Nach einer im März 2010 veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin wird für einen Großteil derjenigen, die ab Ende 2020 im Osten Deutschlands in den Ruhestand gehen, die gesetzliche Rente nahe oder unter der zur Zeit vom Staat bezahlten durchschnittlichen
Grundsicherung von rund 600
EUR liegen. Die gegenwärtig stabile Lage der gesetzlichen Rente verleitet die Menschen jedoch dazu, die Problematik zu unterschätzen. Die demografische Entwicklung wird aber zwangsläufig zu Leistungskürzungen bei der gesetzlichen Rente führen und private Vorsorge umso notwendiger machen.
Fehlt eine rechtzeitige private Vorsorge, werden die Auswirkungen des langfristigen Trends zu steigender Altersarmut für manchen Betroffenen verheerend sein. Entscheidungen, deren Nutzen weit in der Zukunft liegt und die besondere Anstrengungen erfordern, werden allzu gerne verschoben. So sehen viele jüngere Menschen keinen Sinn darin, jetzt schon monatlich Geld auszugeben für eine Leistung, die sie erst Jahrzehnte später erhalten.
Bei einer im Mai 2010 in Berlin vorgestellten Studie über die Altersversorgung von Jugendlichen sagte der Jugendforscher Professor Klaus Hurrelmann: "Die vor zehn Jahren eingeleitete große Reform der Alterssicherung durch mehr Eigenbeteiligung ist nicht bei den jungen Leuten angekommen. Die Mehrzahl der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen steuert ungewollt auf die Altersarmut zu. Sie sind zur Zukunftssicherung bereit, verstehen aber die komplizierten Regelungen nicht."
Aber nicht nur für Jugendliche ist eine zusätzliche private Rentenvorsorge nötig. Bereits die geburtenstarken Jahrgänge von Mitte 1950 bis Mitte 1960 werden von den Leistungseinschränkungen der Rentenpolitik in Deutschland betroffen sein. Auch sie müssen darüber nachdenken, wie sie in Zukunft die staatliche Rente durch private Absicherung aufstocken können. Für nachfolgende Generationen wird sich, durch das kontinuierliche Abschmelzen der staatlichen Rentenversorgung, das Risiko von Altersarmut betroffen zu sein immer stärker erhöhen.
Ursachen zunehmender Altersarmut in Deutschland
- Absenkung des Rentenniveaus
Um die Rente für zukünftige Generationen zu sichern, haben die deutschen Regierungen in den vergangenen Jahren die gesetzliche Rente reformiert und immer neue Kürzungsfaktoren in die Formel zur Berechnung der Rentenanpassung eingeführt. Riester-Faktor, Nachholfaktor ("Anpassungsfaktor") heißen die "Übeltäter", die die Rentenhöhe für die Beitragszahler über die Jahre und Jahrzehnte hin bis zum Renteneintritt stetig schmälern. "Die Kürzungsfaktoren, vor allem der Riester-Faktor, werden positive Lohnentwicklungen komplett aufzehren. Und sollte trotzdem etwas von der Lohnentwicklung übrig bleiben, werden Rentenanpassungen mit dem Nachholfaktor gekürzt", heißt es in einer Studie des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) vom März 2010.
Da die Rentensteigerungen durch die Einrechnung dieser Faktoren jedes Jahr ein wenig hinter der Steigerung der Löhne zurückbleiben, sinkt das Rentenniveau, d. h. das Verhältnis zwischen Rente und Lohn, in der Zukunft immer weiter. Nach Angaben der Bundesregierung fällt das Netto-Rentenniveau, das im Jahr 2009 bei 52,00 % lag, bis zum Jahr 2018 auf nur noch 47,4 %. Nach Berechnungen der Rentenversicherungsträger wird die Versorgungslücke mit der Zeit immer größer. Das Netto-Rentenniveau wird bis zum Jahr 2030 wohl unter die Marke von 40 % rutschen.
- Die Rente mit 67
Nach Einschätzung von Gewerkschaften und Sozialverbänden wird auch die Anhebung des Renteneintrittsalters die Rentenansprüche eines Großteils der Bevölkerung erheblich mindern. Schon ab dem Geburtenjahrgang 1947 beginnt die stufenweise Anhebung des Renteneintrittsalters. Bis zum Jahr 2023 wird jeder Jahrgang jeweils einen Monat später in Rente gehen. Ab 2024 steigt das Renteneintrittsalter pro Jahrgang um jeweils zwei Monate, bis im Jahr 2029 (ab dem Geburtsjahrgang 1964) dann das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren erreicht ist.
Was zunächst lediglich nach mehr Arbeit für den Einzelnen aussieht, hat in der Praxis meist eine drastische Kürzung der Rentenansprüche zur Folge. Wer wegen gesundheitlicher Probleme oder aufgrund einer drohenden Entlassung gezwungen ist, früher in Rente zu gehen, der muss mit einem Rentenabschlag von 0,3 % rechnen - und zwar pro Monat, den er früher in Rente geht! Will oder muss man sich also mit 65 Jahren zur Ruhe setzen, so bekommt man während der gesamten Rentenbezugszeit 7,2 % weniger Rente als frühere Generationen. Noch nicht betroffen von dieser Regelung sind Menschen, die mindestens 45 Beitragsjahre vorweisen können. Diese dürfen wie in der Vergangenheit ohne Kürzung bereits mit 65 Jahren in Rente gehen. Diese Maßnahme trifft Akademiker, die wegen ihrer langen Ausbildungszeiten selten 45 Beitragsjahre erreichen.
Nach einer Studie aus dem Jahr 2009 von Gewerkschaften und Sozialverbänden, hat die Einführung der Rente mit 67 erschreckende Auswirkungen für künftige Rentnergenerationen. "Die Rente mit 67 ist eine tickende Zeitbombe, die schnellstens entschärft werden muss", beurteilt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach die Ergebnisse der Publikation. Die Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes, Heidi Merk, verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass der Anteil der Ruheständler, die wegen der Rentenreformen in 15 Jahren zusätzlich zur Rente staatliche Unterstützung benötigen werden, von gegenwärtig 2,4 % auf über 10 % hochschnellen wird.
Bevölkerungsschichten mit dem höchsten Risiko
Altersarmut wird in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung ein Thema werden. Nicht nur Arbeitslose und Geringverdiener, sondern auch viele Selbstständige und Gutverdiener geraten in Gefahr, im Alter nicht angemessen versorgt zu sein.
- Arbeitslose und Geringverdiener
Untersuchungen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2009 zeigen, dass selbst Arbeitnehmer, die 45 Jahre lang ununterbrochen beschäftigt waren, pro Stunde mindestens 9,47 EUR brutto verdienen müssen, um künftig eine Alterssicherung zu erhalten, die über der durchschnittlichen Grundsicherung durch den Staat liegt. Niedriglöhner in Westdeutschland kommen momentan jedoch nur auf einen Durchschnittsverdienst von 6,89 EUR. Geringverdiener im Osten verdienen im Mittel sogar nur 4,86 EUR. "Selbst bei einem bruchlosen Erwerbsleben werden Geringverdiener im Ruhestand auf staatliche Unterstützung angewiesen sein", bemerkt dazu Thorsten Schulten vom WSI, dem Forschungsinstitut der Hans-Böckler-Stiftung.
Die Ausweitung der Minijobs, Phasen der Selbstständigkeit und längere Zeiten der Arbeitslosigkeit mindern den bereits geringeren Rentenanspruch der Niedriglöhner (Geringverdiener) immer mehr. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vom März 2010 sind vor allem Ostdeutsche von dieser Entwicklung betroffen. "Bei den jüngeren vom DIW untersuchten Jahrgängen in Ostdeutschland werde der durchschnittliche Rentenzahlbetrag demnach unter das durchschnittliche Niveau der Grundsicherung fallen." Nach der Wiedervereinigung schnellte die Arbeitslosigkeit im Osten Deutschlands stark nach oben und verharrt seitdem auf hohem Niveau. In den vergangenen 20 Jahren mussten viele Ostdeutsche oftmals ihre Arbeit wechseln, was meist mit langen Zeiten der Arbeitslosigkeit oder geringfügiger Beschäftigung verbunden war.
Dieser Zyklus von Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Teilzeit- und Minijob wirkt sich nach der Recherche des DIW vor allem für ostdeutsche Frauen negativ aus. Frauen aus den Jahrgängen bis 1951 können im Alter noch auf steigende Durchschnittsrenten hoffen. Bei den darauf folgenden Jahrgängen fallen die Renten von einem Niveau von rund 800 EUR bis unter 500 EUR bei den jüngsten Jahrgängen. Frauen aus dem Westen können in eine marginal bessere Zukunft blicken. "Wir beobachten hier eine Zunahme der Erwerbsbeteiligung, wenn auch auf niedrigem Niveau. Insbesondere die Teilzeitbeschäftigung hat zugenommen. Damit sammelt man natürlich auch unterdurchschnittliche Rentenansprüche. Dennoch ist das eine relative Verbesserung zu früheren Zeiten, als Frauen vielfach nicht erwerbstätig waren", führt DIW-Wirtschaftsforscher Johannes Geyer aus.
Besonders prekär ist die Lage bei Beziehern des Arbeitslosengeldes II (ALG II). "Derzeit erwirbt ein Hartz-IV-Empfänger, der von 359 EUR Regelsatz leben muss, einen monatlichen Rentenanspruch von 2,09 EUR. Wenn der Betrag nicht deutlich erhöht wird, ist Altersarmut auch für diese Menschen vorprogrammiert", warnte die VdK-Präsidentin Ulrike Mascher während der Fachkonferenz "Altersarmut wirksam bekämpfen" im Februar 2010.
- Geringverdienende Selbstständige
Aber nicht nur Geringverdiener und Arbeitslose sind von steigender Altersarmut betroffen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) stellte einen Ratgeber für Selbstständige zusammen. "Die Vorstellung, dass Selbstständige finanziell stark und deswegen nicht auf den Rückhalt einer Solidargemeinschaft angewiesen seien, entspricht immer weniger der Wirklichkeit", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach Mitte Februar 2010 in Berlin bei der Vorstellung der Broschüre. "Die Solo-Selbstständigen verfügen häufig über wenig Betriebskapital, haben eine geringe Marktmacht und keine geschützten Strukturen, wie es zum Beispiel bei den "klassischen" freien Berufen - Anwälte, Ärzte oder Apotheker - gegeben ist."
Viele Selbstständige erzielen nur ein Einkommen von knapp 800 EUR im Monat. Für die soziale Absicherung steht daher meist kein Geld zur Verfügung. Untersuchungen zufolge sind beinahe 25 % der Selbstständigen von Altersarmut bedroht. "Häufig reichen schlicht die Einnahmen nicht aus, um die Alterssicherung und manchmal sogar die Krankenversicherung zu bezahlen", meint Buntenbach. Wegen dieser Entwicklung bei den Selbstständigen plädieren inzwischen auch Experten für eine gesetzlich vorgeschriebene Altersversorgung für Selbstständige.
- Gutverdiener
Der Vorsorgeatlas 2009, den Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, für die Fondsgesellschaft Union Investment zusammengestellt hat, kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Der Studie zufolge sind es gerade die Bewohner einkommensstarker Regionen wie Hamburg, München und Stuttgart, die von den Auswirkungen der sich wandelnden Altersversorgung am meisten betroffen sind.
Die Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe verdienen zwar überdurchschnittlich gut, zahlen jedoch nur bis zur gesetzlichen Obergrenze, der Beitragsbemessungsgrenze, in die staatliche Rentenversorgung ein. Bei Bezug der Rente ergibt sich daraus eine weit größere Lücke im Hinblick auf den Erhalt des Lebensstandards als bei Beziehern von mittleren und niedrigen Einkommen. Raffelhüschen rät daher Gutverdienern neben der Riester-Rente noch monatlich sechs bis acht Prozent des Lohns für die Altersversorgung zurückzulegen.
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S. Nies, aktualisiert Januar 2011
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