Der Einstieg in die Rente mit 67 hat 2012 begonnen. Künftig müssen Arbeitnehmer länger arbeiten, bis sie in Rente gehen können. Damit sollen die Rentenkassen angesichts der demografischen Entwicklung stabilisiert und zukunftsfest gemacht werden. Da die Arbeitnehmer länger Beiträge zahlen und die Renten zugleich auch später ausgezahlt werden, sollen so die Auswirkungen der Überalterung der Gesellschaft abgefedert werden.
Internationaler Trend zur Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters
Mit der Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters liegt Deutschland in einem internationalen Trend. So wird langfristig die Lebensarbeitszeit steigen, geht aus einer internationalen Studie des Beratungsunternehmens Mercer hervor. Zu beobachten sei eine allgemeine Tendenz hin zu höheren gesetzlichen Renteneintrittsaltern. Die Studie verweist auf das bereits "sehr hohe gesetzliche Renteneintrittsalter" in Norwegen und den
USA. Arbeitnehmer in Norwegen können demnach erst zwischen dem 67. und 70. Lebensjahr in Rente gehen, ohne eine Kürzung hinnehmen zu müssen. In den USA liegt das gesetzliche Renteneintrittsalter für die Geburtsjahrgänge nach 1960 bei 67 Jahren. Auch andere europäische Länder wie Dänemark und Großbritannien haben bereits konkret Pläne, das gesetzliche Renteneintrittsalter stufenweise auf 67 oder 68 Jahre anzuheben.
Wer kann künftig wann in Rente gehen?
Das Renteneintrittsalter steigt schrittweise von 65 Jahren auf 67 Jahre an, abhängig vom Geburtsjahr. Betroffen sind die Jahrgänge ab 1947. Beispiele für das Renteneintrittsalter: 1947 Geborene erreichen es mit 65 Jahren und einem Monat; 1950 Geborene mit 65 Jahren und vier Monaten; 1955 Geborene mit 65 Jahren und neun Monaten; 1960 Geborene mit 66 Jahren und vier Monaten. Alle ab 1964 Geborenen können nach dem nun in Kraft getretenen Gesetz erst mit 67 Jahren in Rente gehen. Eine genaue Übersicht darüber, wer künftig wie lange arbeiten muss, erhalten Sie in dem Artikel
"Rente mit 67: Einstieg hat 2012 begonnen".
Abschläge für frühere Verrentung
Wer früher in Rente gehen will oder muss, der hat, abhängig von Geburtsjahr und Renteneintrittsalter, mit empfindlichen Einbußen zu rechnen. Grundsätzlich werden für jeden Monat, den der Betroffene früher in Rente geht, 0,3
% von der Rente abgezogen. Wenn das Renteneintrittsalter im Jahr 2031 bei 67 Jahren liegt, bedeutet dies: Wer dann schon mit 65 Jahren in Ruhestand geht, der muss auf 7,2
% (0,3
% X 24 Monate) seiner Rente verzichten. Bedenken sollte man hierbei auch, dass der Rentenbetrag, von dem der Abschlag weggeht, ein niedrigerer ist, als hätte man bis 67 gearbeitet. Denn: Es wurden ja auch zwei Jahre weniger einbezahlt.
Höheres Rentenalter verschärft soziale Ungleichheit
Experten verweisen darauf, dass die Rente mit 67 generell erhebliche Auswirkungen auf das soziale Gefüge in Deutschland hat.
- So kommt ein Monitoring-Bericht des "Netzwerk für eine gerechte Rente" zu dem Schluss, dass die Rente mit 67 das Risiko künftiger Altersarmut deutlich erhöhen wird und zugleich auch den Arbeitsmarkt belasten wird. "Die Rente mit 67 verschärft das Risiko der Menschen, in Altersarmut zu geraten", berichtete der Sozialverband Deutschland, der mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) eines der Mitglieder des Netzwerks ist. Der Monitoring-Bericht zeigt, dass sich die Lücke zwischen dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und dem Renteneintritt für viele Menschen durch die Rente mit 67 noch vergrößern wird. Das ist nach Einschätzung des Netzwerks "ein entscheidender Faktor für künftig steigende Altersarmut".
- Das Institut Arbeit und Technik (IAT) rechnet damit, dass sich die soziale Ungleichheit im Alter verschärfen wird. Nur wer gut qualifiziert und gesundheitlich fit sei, profitiere von der verlängerten Arbeitszeit. Für die anderen werde der Übergang vom Beruf in die Rente einfach länger und prekärer, so die IAT-Experten. "Dabei wird es sich nicht nur um die Verlängerung und Aufspreizung von während des Lebensverlaufs schon bestehenden sozialen Ungleichheiten handeln, sondern es wird vermehrt auch zu unvorhersehbaren sozialen Abstiegsprozessen im Alter infolge von beruflichen und privaten Fehlschlägen kommen", heißt es beim IAT. Die IAT-Arbeitsmarktforscher verweisen darauf, dass "die Erwerbsmöglichkeiten Älterer nicht voll mit den Altersgrenzen mitziehen" werden, "schon gar nicht in der Form vollwertiger und sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung." Am IAT wird seit 2003 in einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt der so genannte "Altersübergang" vom Arbeitsleben in den Ruhestand untersucht.
Mehr private Altersvorsorge notwendig
Um sich einen Rentenbeginn mit 65 Jahren leisten zu können
bzw. um die höheren Abschläge auszugleichen, muss ein Arbeitnehmer erhebliche private Vorsorge treffen. Die Experten der
DIA-Studie haben an konkreten Beispielen ausgerechnet, dass dabei schnell ein Bedarf im fünfstelligen Euro-Bereich zusammen kommt. So müssen der Studie zufolge ledige Männer des Jahrgangs 1964 bei einem Renteneintritt mit 65 Jahren zwischen 14.000 und 19.500
EUR sparen, wobei eine Verzinsung von 3,5 bis 5
% unterstellt wird. Bei Frauen liegt die Spanne wegen der höheren Lebenserwartung noch deutlich höher zwischen 16.500 und 23.000
EUR. Nach Einschätzung des
IWG-Leiters Prof. Dr. Meinhard Miegel dürfte sich für viele Beschäftigte eine "Mischstrategie" anbieten. "Sie arbeiten länger und sorgen gleichzeitig verstärkt privat vor." Dadurch könnte eine Minderung der Altersversorgung vermieden werden.
Barrieren am Arbeitsmarkt
Doch länger arbeiten ist für viele Beschäftigte gar nicht so einfach. So sind derzeit ältere Arbeitnehmer kaum gefragt am Arbeitsmarkt. In Folge des zunehmenden Wachstums der älteren Bevölkerung sowie des angehobenen Rentenalters wird der Anteil der Älteren unter den Berufstätigen deutlich zunehmen. Das Institut für Arbeitsmarkt- Berufsforschung (IAB), eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, bezeichnet das Zusammentreffen dieser beiden Effekte als "unglücklich". Das Institut kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass im Jahr 2030, wegen der Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre, zwischen 1,2 Millionen und rund 3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen müssen, damit die Arbeitslosigkeit nicht steigt. Das zusätzliche Potenzial von 1,2 Millionen bis 3 Millionen Menschen in Beschäftigung zu bringen, wäre eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, so das
IAB.
Unternehmen müssen auf ältere Arbeitnehmer setzen
Laut dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) ist daher "die entscheidende Frage, ob es künftig genügend Arbeitsplätze für ältere Erwerbstätige geben wird." Das Institut verweist darauf, dass sich angesichts der bevorstehenden Verschiebungen im Altersgefüge der Beschäftigten die "Beschäftigungskultur" grundlegend ändern müsse. Derzeit haben ältere Arbeitnehmer - und das heißt hier gerade einmal älter als 50 Jahre - schlechte Karten am Arbeitsmarkt. Dem
DIA zufolge stellen heute 40
% der Unternehmen aus grundsätzlichen Erwägungen keine über 50-Jährigen ein. Um den Herausforderungen am Arbeitsmarkt zu begegnen, müssten Unternehmen bereit sein, einen großen Teil ihres Arbeitskräftebedarfs aus dem Potential älterer Erwerbspersonen zu decken.
Nachwuchskräftemangel verzögert sich
Die Forscher des
IAB verweisen allerdings darauf, dass wegen der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft und dem daraus erwachsenen Mangel an jungen Nachwuchskräften ältere Fachkräfte für Betriebe "zunehmend eine wichtige personelle Ressource darstellen". Wegen der sinkenden Zahl junger Arbeitskräfte im Verhältnis zu den älteren Arbeitnehmern sei eine Anhebung des Rentenalters langfristig unvermeidlich. Allerdings wird sich in Folge der nun beschlossenen Anhebung des Rentenalters der "oft prognostizierte Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials erheblich verzögern".
Durchschnittliche Rendite sinkt
Die Anhebung des Rentenalters wird der
DIA-Studie zufolge direkte finanzielle Folgen für einen Großteil der Beschäftigten haben. Hinsichtlich der Renditen der im Arbeitsleben geleisteten Renten-Beitragszahlungen müssen die gesetzlichen Rentenversicherten weitere Einbußen in Kauf nehmen. Bereits jetzt ist die Entwicklung zu beobachten, dass die Rendite für die gesetzliche Rentenversicherung langfristig gesehen sinkt. Laut der Studie führt die Anhebung des Rentenalters zu einem beschleunigten Renditerückgang der gesetzlichen Rente. Betroffen davon seien insbesondere die Geburtsjahrgänge 1960 bis 1980. Insbesondere Männern drohen reale Verluste: Mussten bisher nur nach 1985 geborene Männer unter ungünstigen Bedingungen mit realen Einbußen rechnen, gilt dies nun schon für Männer, die nach 1965 geboren worden sind. Schon heutige Beitragszahler können demnach nicht sicher sein, künftig wenigstens ihre geleisteten Beiträge ohne Kaufkraftverlust zurückzuerhalten.
S. Nies, aktualisiert Januar 2012
zum Seitenanfang